Zorn in vierzehn Zeilen – oder: Sonettbeschimpfung mit System (Gernhardt)

Gedanken, Analyse und Interpretation zu „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“ von Robert Gernhardt

Es gibt Menschen, die mögen Sonette. Es gibt Menschen, die schreiben Sonette. Und dann gibt es Robert Gernhardt – der beides kann und sich trotzdem den Spaß macht, genau diese Gedichtform mit sichtlichem Vergnügen zu zerlegen. Sein Gedicht „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“ ist dabei weniger eine Kritik als ein kalkulierter Wutausbruch in Versform.

Was hier passiert, ist keine höfliche Auseinandersetzung mit literarischer Tradition, sondern ein sprachlicher Amoklauf mit Reim. Das lyrische Ich schimpft, pöbelt und steigert sich in eine Empörung hinein, die so überzogen wirkt, dass man sich irgendwann fragt, ob hier wirklich jemand leidet – oder ob einfach jemand sehr gut unterhalten wird. Sonette seien eng, rigide, unerquicklich. Ihre bloße Existenz verdirbt angeblich den Tag. Wer sie schreibt, wird nicht nur kritisiert, sondern gleich zur Zielscheibe persönlicher Beschimpfungen erklärt.

Soweit, so wütend. Doch der eigentliche Witz beginnt genau dort, wo man ihn fast übersehen könnte: Dieses tobende, fluchende Gedicht ist selbst ein Sonett. Vierzehn Zeilen, Reimstruktur, formale Geschlossenheit – alles da. Gernhardt kritisiert die Form also nicht von außen, sondern von innen heraus. Er sitzt gewissermaßen im Käfig und beschwert sich lautstark über die Gitterstäbe, während er gleichzeitig demonstriert, wie viel Platz zum Herumrennen eigentlich vorhanden ist.

Das ist ungefähr so konsequent wie eine Anti-Diät-Kampagne im Dessertbuffet – und ähnlich überzeugend.

Die Aggression des Textes wirkt dabei so maßlos, dass sie kaum noch ernst gemeint sein kann. Vielmehr entfaltet sich hier eine sorgfältig konstruierte Übertreibung. Die vulgäre Sprache, die Wiederholungen, das demonstrative „Nicht-Verstehen-Wollen“ – all das ist weniger Ausdruck echter Hilflosigkeit als vielmehr ein satirischer Gestus. Gernhardt inszeniert Wut, um sie als solche sichtbar zu machen.

Und genau darin liegt die Raffinesse: Während das lyrische Ich behauptet, die Form erdrücke jede Kreativität, nutzt der Text diese Form, um besonders kreativ zu sein. Die vermeintliche Zwangsjacke entpuppt sich als Spielfeld. Die Beschränkung wird zum Stilmittel. Das Sonett wird nicht zerstört, sondern zweckentfremdet – und gerade dadurch lebendig.

So entsteht ein doppelter Effekt. Einerseits wird die traditionelle Gedichtform verspottet, als Relikt einer überregulierten Literatur. Andererseits beweist das Gedicht selbst, dass diese Form alles andere als tot ist. Wer so elegant gegen ein Sonett anschreiben kann, hat es offensichtlich ziemlich gut verstanden.

Am Ende bleibt also kein Trümmerfeld, sondern ein ziemlich robustes Stück Literatur. Ein Sonett, das schimpft, flucht und beleidigt – und dabei genau das tut, was gute Kunst immer tut: Es widerspricht sich produktiv. Gernhardt zeigt, dass man Tradition nicht ehrfürchtig behandeln muss. Man kann sie auch anbrüllen, beschimpfen und durch den Kakao ziehen – solange man dabei die Form so sicher beherrscht, dass sie den Spott nicht nur aushält, sondern trägt.

Oder kürzer gesagt: Dieses Gedicht ist der vielleicht überzeugendste Beweis dafür, dass selbst ein „beschissenes“ Sonett ziemlich brillant sein kann.

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