Gedanken, Analyse, Interpretation zu „Wortschwall“ von Robert Gernhardt
Robert Gernhardts Gedicht „Wortschwall“ ist ein Text über Sprache, der seiner eigenen Versuchung nicht widersteht. Er spricht vom Fließen, Schwellen, Strömen und Überlaufen der Wörter — und tut dabei selbst genau das: Er setzt Sprache in Bewegung. Das Gedicht beobachtet den poetischen Prozess nicht aus trockener Distanz, sondern steht mitten im Wasser. Es zeigt, wie aus einzelnen Wörtern ein Strom wird, wie Bilder entstehen, Metaphern wachsen, Sätze sich ausbreiten und Sprache schließlich eine Eigendynamik gewinnt, die nicht mehr ganz beherrschbar scheint. Gerade darin liegt seine komische und poetologische Kraft: Gernhardt beschreibt nicht nur einen Wortschwall, er inszeniert ihn.Schon der Titel ist doppeldeutig. Ein „Wortschwall“ ist zunächst kein neutraler Begriff. Er meint nicht einfach Sprachfülle, sondern eher ein Zuviel an Sprache: ein Reden, das sich ergießt, vielleicht auch ergießt, ohne noch genau zu wissen, wohin. Ein Schwall ist kein stiller Bach, kein geordneter Kanal, sondern etwas Plötzliches, Massives, Überbordendes. Damit ist die Grundspannung des Gedichts benannt. Sprache erscheint als schöpferische Kraft, aber zugleich als Gefahr. Sie kann Sinn erzeugen, Bilder hervorbringen, Gedanken in Bewegung setzen. Doch sie kann auch anschwellen, sich verselbständigen und in bloßer Fülle enden.Gernhardt arbeitet dabei mit einer konsequenten Wasser- und Strömungsmetaphorik. Wörter fließen, schwellen an, bilden Kaskaden, sammeln sich in Becken. Sprache wird nicht als festes Bauwerk vorgestellt, sondern als bewegliches Element. Das ist zunächst ein sehr schönes Bild für Dichtung. Denn Schreiben beginnt oft tatsächlich nicht mit fertiger Ordnung, sondern mit Bewegung. Ein Wort ruft das nächste, ein Bild zieht ein weiteres nach sich, ein Satz öffnet einen Raum, den man vorher gar nicht gesehen hatte. Wer schreibt, weiß manchmal erst nach dem Schreiben, was er eigentlich gedacht hat. Sprache ist dann nicht bloß Ausdruck eines fertigen Gedankens, sondern dessen Geburtshelferin.Aber genau diese Produktivität hat eine Kehrseite. Was einmal fließt, kann überfließen. Was lebendig strömt, kann auch überschwemmen. Das Gedicht stellt daher eine zentrale Frage an Dichtung überhaupt: Wann wird Sprache zum Medium von Erkenntnis — und wann wird sie nur noch Geräusch mit Grammatik? Wann ist ein sprachlicher Reichtum wirklich reich, und wann kaschiert er bloß, dass in der Tiefe nicht mehr viel zu holen ist? Gernhardt gibt darauf keine einfache Antwort. Er ist klug genug, den Wortschwall nicht einfach zu verurteilen, denn sein eigenes Gedicht lebt ja von ihm. Die Kritik an der Sprachfülle ist selbst sprachlich lustvoll. Das ist der schöne Widerspruch dieses Textes: Er macht sich über das Übermaß lustig, indem er es meisterhaft beherrscht.Gerade deshalb ist „Wortschwall“ ein poetologisches Gedicht. Es spricht über das Schreiben, über dichterische Sprache und über die Gefahr, dass Literatur sich in ihren eigenen Mitteln verliert. Der Text fragt nicht von außen: „Ist das noch sinnvoll?“ Er fragt von innen, während er selbst dichtet. Gernhardt steht nicht am Ufer und zeigt auf die Überschwemmung. Er watet selbst hindurch, mit hochgekrempelter Hose und einem sehr wachen Sinn für Komik. Das macht seine Haltung so interessant. Er verspottet die Literatur nicht aus Unkenntnis, sondern aus Nähe. Er kennt die Mittel, die Formen, die Bilder — und gerade deshalb kann er zeigen, wo sie komisch werden.Besonders reizvoll ist dabei das Verhältnis von Form und Inhalt. Der Text handelt vom Überlaufen, aber er läuft nicht einfach unkontrolliert über. Er ist kunstvoll gebaut. Der Sprachstrom ist also nicht formlos, sondern gebändigt. Das Gedicht führt einen kontrollierten Kontrollverlust vor. Es tut so, als würden die Wörter sich selbständig machen, aber diese Selbständigkeit ist gestaltet. Genau darin liegt Gernhardts Meisterschaft. Er weiß, wie man eine Flut so anlegt, dass am Ende nicht das Wohnzimmer ruiniert ist, sondern ein Gedicht entsteht.Hier drängt sich der Vergleich mit Goethes „Der Zauberlehrling“ fast von selbst auf. Auch dort geht es um Wasser, Sprache und Kontrollverlust. Der Zauberlehrling spricht eine Formel, die den Besen zum Wassertragen bringt. Zunächst scheint alles wunderbar zu funktionieren. Sprache zeigt Macht. Der Spruch wirkt. Doch gerade weil er wirkt, entsteht die Katastrophe. Der Besen hört nicht mehr auf, das Wasser strömt, der Raum wird überflutet, und der Lehrling merkt zu spät, dass er zwar den Anfang beherrscht, nicht aber das Ende. Er kennt die Formel des Entfesselns, aber nicht die Formel der Begrenzung.Goethes Ballade zeigt Sprache als magische Kraft. Worte verändern Wirklichkeit. Sie sind nicht bloße Zeichen, sondern Handlungen. Wer den richtigen Spruch kennt, setzt Kräfte frei. Doch Goethe erzählt zugleich von der Gefahr unvollständigen Wissens. Der Lehrling hat Macht, aber keine Meisterschaft. Er kann Kräfte rufen, aber nicht bannen. Das Problem ist nicht, dass seine Sprache wirkungslos wäre. Das Problem ist, dass sie zu wirksam ist. Der Zauberlehrling scheitert nicht an Ohnmacht, sondern an Übermacht.Bei Gernhardt verschiebt sich dieses Motiv ins Poetische. Dort ist es nicht das Wasser, das außer Kontrolle gerät, sondern die Sprache selbst. Der Dichter ruft keine Besen herbei, sondern Wörter, Bilder, Metaphern. Aber auch sie beginnen zu laufen. Aus einem Wort wird ein Satz, aus einem Satz ein Strom, aus dem Strom womöglich ein Schwall. Der Dichter ist damit eine moderne Variante des Zauberlehrlings. Er kennt die Formeln der Literatur: Rhythmus, Reim, Bild, Pointe, Steigerung. Er weiß, wie man Sprache in Bewegung setzt. Aber auch er steht vor der Frage, ob er sie noch führt oder ob sie ihn längst mitnimmt.Der Unterschied zu Goethe ist jedoch entscheidend. Im „Zauberlehrling“ muss am Ende der Meister eingreifen. Die Ordnung kommt von außen zurück. Der Lehrling wird gerettet, aber auch beschämt. Die Lehre ist klar: Wer Kräfte benutzt, die er nicht beherrscht, bringt sich und andere in Gefahr. Bei Gernhardt gibt es keinen solchen Meister. Niemand tritt auf und ruft die Wörter zur Ordnung. Die Begrenzung entsteht aus dem Gedicht selbst, aus Form, Ironie und Selbstbeobachtung. Gernhardts Dichter ist Lehrling und Meister zugleich. Er kennt die Gefahr des Schwalls, aber er macht daraus Kunst.Damit wird aus Goethes dramatischem Kontrollverlust bei Gernhardt ein ironisch kontrollierter Kontrollverlust. Goethe zeigt, was geschieht, wenn Sprache Wirklichkeit entfesselt. Gernhardt zeigt, was geschieht, wenn Sprache sich selbst entfesselt. Beide Texte verbindet die Einsicht, dass Sprache nicht harmlos ist. Sie ist kein Werkzeug, das still in der Hand liegt, bis man es benutzt. Sie hat Bewegung, Sog, Eigenleben. Wer spricht oder schreibt, setzt etwas in Gang. Und manchmal läuft es weiter, als einem lieb ist.Gerade darin liegt auch die Komik beider Texte. Beim „Zauberlehrling“ entsteht sie aus der Eskalation. Eine kleine Bequemlichkeit — der Besen soll Wasser holen — wächst sich zur Katastrophe aus. Der Helfer wird zum Problem, das Mittel überschreitet seinen Zweck. Bei Gernhardt entsteht die Komik aus der Selbstbezüglichkeit. Das Gedicht spricht vom Wortschwall und erzeugt selbst einen kunstvoll schäumenden Sprachfluss. Es ist, als würde jemand eine Warnung vor Pfützen auf ein Schild schreiben und dabei mit Gummistiefeln durch den Text stapfen. Man sieht die Gefahr, aber man sieht auch die Lust daran.An dieser Stelle lässt sich Axel Maria Marquardts „Einer redet dazwischen“ als dritte Perspektive hinzunehmen. Während Goethe den Kontrollverlust durch magische Sprache zeigt und Gernhardt den dichterischen Sprachstrom ironisch reflektiert, setzt Marquardt auf Unterbrechung. Sein Text bezieht sich auf den hohen, pathetischen Ton klassischer Literatur, besonders auf Goethes Faust-Monolog. Dort spricht einer groß, bedeutungsschwer, existenziell. Doch bei Marquardt darf dieser große Ton nicht ungestört bleiben. Eine zweite Stimme redet dazwischen, kommentiert, relativiert, entzaubert.Diese Zwischenstimme ist literarisch sehr wirksam. Sie verweigert dem Pathos die Bühne, die es braucht. Denn große Rede lebt davon, dass man sie wirken lässt. Sie braucht Stille, Aufmerksamkeit, Ehrfurcht. Wenn aber jemand dazwischenfragt, schief grinst oder trocken kommentiert, wird sichtbar, wie sehr Pathos auch eine Inszenierung ist. Marquardts Text zerstört den klassischen Ton nicht einfach, sondern prüft ihn. Er fragt: Was bleibt von der großen Rede, wenn ihr jemand nicht automatisch glaubt?Damit ergänzt Marquardt das Spannungsfeld um eine wichtige Dimension. Bei Goethe gerät die Sprache außer Kontrolle, weil sie zu viel bewirkt. Bei Gernhardt gerät sie in Bewegung, weil sie zu viel hervorbringt. Bei Marquardt wird sie unterbrochen, weil sie zu viel Autorität beansprucht. In allen drei Fällen geht es um die Macht der Sprache — aber jeweils anders. Goethe zeigt die magische Macht des Spruchs. Gernhardt zeigt die poetische Macht des Wortstroms. Marquardt zeigt die soziale und kulturelle Macht des großen Redegestus.Der Dazwischenredner ist dabei mehr als ein Störenfried. Er ist eine Figur der Kritik. Er erinnert daran, dass Sprache nicht nur fließen, sondern auch gestoppt werden darf. Nicht jeder große Ton verdient automatisch große Ehrfurcht. Nicht jede pathetische Klage ist schon tiefe Wahrheit. Und nicht jeder literarische Sockel ist so stabil, wie er aussieht. Manchmal genügt eine trockene Zwischenbemerkung, und das Denkmal bekommt Risse — keine zerstörerischen, sondern erkenntnisfördernde. Der Dazwischenredner ist gewissermaßen der Wischmopp im literarischen Wasserschaden: unspektakulär, aber notwendig.So entsteht aus den drei Texten ein gemeinsames Nachdenken über Sprache, Kontrolle und Komik. Sprache ist bei Goethe, Gernhardt und Marquardt nie bloß neutrales Mittel. Sie setzt Kräfte frei, erzeugt Bilder, stiftet Autorität, kann überfluten und muss manchmal unterbrochen werden. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Was sagt Sprache? Sondern auch: Was tut sie? Wen nimmt sie mit? Wen überrollt sie? Und wer hat den Mut, dazwischenzureden?Komik spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie ist in diesen Texten kein bloßer Schmuck, keine kleine Erholungspause für den ernsten Geist. Sie ist eine Form der Erkenntnis. Durch Komik wird sichtbar, was der ernste Ton verdeckt. Beim Zauberlehrling zeigt das Lachen die Lächerlichkeit eines Menschen, der Kräfte ruft, die er nicht beherrscht. Bei Gernhardt zeigt es die Fragwürdigkeit dichterischer Sprachfülle, ohne deren Schönheit zu leugnen. Bei Marquardt zeigt es die Brüchigkeit literarischer Autorität, sobald sie nicht mehr ehrfürchtig hingenommen wird.Gerade dadurch sind diese Texte keine Absagen an Literatur. Im Gegenteil. Sie zeigen, wie lebendig Literatur wird, wenn sie sich selbst prüfen lässt. Goethe erzählt eine Ballade, die bis heute funktioniert, weil sie ein Grundproblem menschlichen Handelns sichtbar macht: Wir setzen Dinge in Gang, deren Folgen wir nicht überblicken. Gernhardt zeigt, dass Dichtung sich ihrer eigenen Mittel bewusst sein muss, wenn sie nicht im schönen Rauschen untergehen will. Marquardt zeigt, dass Klassiker nicht sterben, wenn man ihnen widerspricht. Sie werden eher lebendiger.Gernhardts „Wortschwall“ bleibt dabei der geeignete Ankerpunkt, weil es zwischen den anderen beiden Texten vermittelt. Es nimmt von Goethe das Motiv des Strömens und des Kontrollverlusts auf, verschiebt es aber von der Handlung in die Sprache selbst. Zugleich bereitet es Marquardts Dazwischenreden vor, weil es bereits misstrauisch gegenüber sprachlicher Selbstherrlichkeit ist. Der Wortschwall will fließen, aber er weiß um seine Gefahr. Der Dazwischenredner würde vermutlich am Rand stehen und fragen, ob das noch Dichtung ist oder schon Rohrbruch.Am Ende zeigt sich: Literatur lebt von Bewegung, aber sie braucht Bewusstsein für ihre eigenen Strömungen. Wörter dürfen fließen. Sie dürfen rauschen, wachsen, übertreiben, sich gegenseitig anstoßen und in neue Bedeutungen treiben. Aber sie dürfen nicht einfach mit Sinn verwechselt werden, nur weil sie schön klingen. Ebenso darf große Rede beeindrucken, aber sie darf auch unterbrochen werden. Ehrfurcht ist keine Pflichtübung. Manchmal beginnt das Denken gerade dort, wo einer nicht mehr nickt, sondern fragt.Robert Gernhardts „Wortschwall“ ist deshalb mehr als ein komisches Gedicht über sprachlichen Überfluss. Es ist eine kluge, selbstironische Reflexion über Dichtung als riskante Bewegung. Im Vergleich mit Goethes „Zauberlehrling“ wird sichtbar, dass Sprache wie Wasser eine Kraft entfalten kann, die den Sprecher überfordert. Mit Marquardts „Einer redet dazwischen“ kommt hinzu, dass Sprache nicht nur fließt, sondern auch Macht beansprucht — und dass diese Macht durch Widerspruch begrenzt werden kann.So lässt sich das Verhältnis der drei Texte knapp fassen: Bei Goethe flutet das Wasser. Bei Gernhardt fluten die Wörter. Bei Marquardt kommt einer dazwischen und fragt, ob das alles wirklich so bedeutend sein muss. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Literatur ist am stärksten, wenn sie nicht nur rauscht, sondern sich beim Rauschen zuhört. Wenn sie nicht nur zaubert, sondern auch weiß, dass jeder Zauber seine Grenzen braucht. Und wenn sie den Dazwischenredner nicht als Feind begreift, sondern als notwendigen Menschen mit trockenem Humor, trockenem Verstand — und hoffentlich trockenen Socken.
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