Vom Nutzen des Klickbaits – oder: Wie Ärger manchmal zu Kultur führt

Gedanken und Überlegungen zur Nützlichkeit von Missverständnissen, Unmut und Unfug

Neulich stolperte ich wieder über eine jener Schlagzeilen, die offenbar aus einem Baukasten stammen. Ein bekannter Name, ein vermeintlich empörender Satz, viel heiße Luft. Klickbait eben. Texte, die ungefähr so überraschend sind wie eine Bahnhofsdurchsage und ungefähr so nahrhaft wie Styropor.

Man könnte sich darüber aufregen. Das Internet ist schließlich voll davon, und jeder Klick füttert genau die Maschinerie, die man eigentlich nicht mag. Andererseits ist Ärger eine Form von Energie. Und Energie hat die unangenehme Eigenschaft, sich irgendwohin entladen zu wollen.

In meinem Fall führte diese Entladung zu einem kleinen gedanklichen Umweg. Gab es nicht einmal einen Text über „ungeschickte Briefe“? Briefe also, die ohne jede Geschicklichkeit formuliert wurden – allein zur seelischen Hygiene. Briefe, die dann im doppelten Sinne „ungeschickt“ blieben: unbeholfen geschrieben und niemals abgeschickt. Denn wozu sollte man einem unsäglichen Menschen, der einen geärgert hat, noch Aufmerksamkeit schenken? Und bei Klickbait wäre es oft nicht einmal ein Mensch.

Von der Haltung her könnte ein solcher Text gut zu Kurt Tucholsky passen – jenem „kleinen, dicken Berliner, der unermüdlich versuchte, mit seiner Schreibmaschine den Wahnsinn aufzuhalten“. So hat ihn Erich Kästner einmal beschrieben und mich damals mit diesen Worten dazu gebracht, Tucholsky zu lesen.

Erich Kästner, der in zwei Zeilen mehr Welt unterbringen konnte als mancher Leitartikel in zwei Seiten.
„Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegenzustellen?
Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen.“

Manchmal reicht ein Bild, um die Perspektive zu verschieben. Eine Blume im Gleisbett. Oder eine Pflanze, die aus einem Riss im Asphalt wächst. Ich sah einmal sogar eine Tomatenpflanze, die genau das tat – irgendwo an einer Bahnhofsunterführung. Niemand hatte sie dort gepflanzt. Niemand hatte sie eingeladen. Sie war einfach da.

Solche Dinge sind kleine Störungen der Ordnung. Und genau deshalb sind sie interessant.

Der Mensch liebt Ordnung. Ordnung beruhigt. Sie reduziert die Welt auf überschaubare Kategorien: wichtig und unwichtig, voll und leer, relevant und irrelevant. Ein alter Witz erklärt das am Beispiel eines halb gefüllten Glases. Der Optimist sieht ein halbvolles Glas. Der Pessimist ein halbleeres. Der Betriebswirt sieht fünfzig Prozent zu viel Glas.

Alle drei übersehen allerdings etwas Entscheidendes: Das Glas ist hauptsächlich mit Luft gefüllt. Und ohne Luft überlebt der Mensch keine fünf Minuten.

Das Problem liegt also nicht im Glas. Das Problem liegt im Blick.

Unsere Aufmerksamkeit ist trainiert. Sie folgt Gewohnheiten, Routinen, Denkschablonen. Wir sehen das, worauf wir gelernt haben zu achten. Alles andere verschwindet im Hintergrundrauschen der Wirklichkeit.

Das zeigt sich manchmal auf überraschende Weise. Bei einer Zugfahrt hörte ich einmal einen nuschelnden Zugbegleiter, der ankündigte, der Zug erreiche gleich den „Unterwasserbahnhof Uelzen“. Ich war kurz beeindruckt. Eine Stadt mit Unterwasserbahnhof schien mir ein bemerkenswerter Fortschritt der Verkehrstechnik zu sein.

Leider stellte sich heraus, dass der Mann schlicht „Hundertwasserbahnhof Uelzen“ gesagt hatte. Der Bahnhof ist im Stil des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser gestaltet – bunt, verspielt, voller schiefer Linien und Pflanzen. Kein Unterwasserbauwerk also, aber doch ein Gebäude, das sich wohltuend gegen die übliche rechtwinklige Bahnhofsnüchternheit stemmt.

Das Missverständnis war produktiver als die korrekte Information. Es führte dazu, dass ich mich mit Hundertwasser beschäftigte. Und Hundertwasser wiederum hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen sterile Ordnung. Gerade Linien, meinte er, seien etwas für Maschinen. Menschen hingegen lebten besser zwischen Kurven, Farben und ein bisschen Chaos.

Vielleicht hat er recht.

Denn zu viel Ordnung verengt den Blick. Sie macht die Welt berechenbar, aber auch langweilig. Ein kleiner Riss im Asphalt, aus dem eine Pflanze wächst, kann mehr über das Leben erzählen als eine perfekt geplante Blumenrabatte.

Der Geist funktioniert übrigens ähnlich wie ein Muskel: Wird er benutzt, bleibt er beweglich. Wird er nicht benutzt, baut er ab. „Use it or lose it“, sagt der Volksmund. Und selten hatte er so recht.

Vielleicht sollte man sich also nicht immer über die kleinen Ärgernisse des Alltags beklagen. Manchmal sind sie bloß der Stein, über den man stolpert – und der einen zwingt, kurz stehen zu bleiben und sich umzusehen.

Mit etwas Glück entdeckt man dabei eine Blume im Beton.

Oder einen Gedanken, der dort wächst, wo eigentlich keiner vorgesehen war.

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