Fortschritt als Ausrede: Wie wir gelernt haben, wegzusehen (Lux)

Gedanken, Analyse und Interpretation zu „Sonett“ von Thorsten Lux, dem Autor von Fliegen – eine andere Verwandlung

Es gibt Texte, die sich nicht laut aufdrängen, sondern mit einem höflichen Lächeln beginnen – nur um einem am Ende das Messer zwischen die Rippen zu schieben. Das „Sonett“ von Thorsten Lux gehört genau in diese Kategorie. Es wirkt zunächst wie ein abgeklärter Rückblick: Früher war alles schlimm – Seuchen, Elend, Not –, doch das sei nun überwunden. Man hat gelernt, man ist klüger geworden. Ein beruhigendes Narrativ. Und genau darin liegt die Falle.

Das im Gedicht entworfene Gesellschaftsbild ist das einer saturierten Gegenwart, die sich selbst als moralischen Fortschritt inszeniert. Geschichte wird zur abgeschlossenen Akte erklärt, Leid zur erledigten Kategorie. Die Vergangenheit ist „vorbei“, und damit auch ihre Verpflichtungen. Doch diese Haltung ist keine echte Überwindung, sondern eine Form der Entlastung: Wer die Vergangenheit für irrelevant erklärt, muss sich mit ihren Konsequenzen nicht mehr befassen. Erinnerung wird ersetzt durch Gleichgültigkeit.

Macht tritt in diesem Text nicht als offene Gewalt auf, sondern als stiller Zustand. Gerade darin ist sie wirksam. Wenn Menschen „Eigentum“ werden und „als Abfall ruh’n“, dann geschieht das nicht im Ausnahmezustand, sondern offenbar mitten in dieser so „netten“ Zeit. Die Pointe ist bitter: Die Gesellschaft, die sich für aufgeklärt hält, reproduziert Strukturen der Entwertung – nur ohne das Pathos früherer Brutalität. Macht hat sich verfeinert. Sie schreit nicht mehr, sie funktioniert.

Auffällig ist dabei die Rolle des Individuums. Engagement erscheint im Gedicht nicht als fehlend, sondern als bewusst unterlassen. „Schau’n wir halt lieber weg“ ist keine Klage, sondern eine Entscheidung. Das ist der eigentliche Skandal: Nicht Ohnmacht, sondern Bequemlichkeit. Selbstwirksamkeit wäre möglich – wird aber nicht genutzt. Die Menschen im Text sind nicht Opfer ihrer Umstände, sondern Komplizen ihrer eigenen Entlastung. Sie könnten hinschauen, tun es aber nicht. Sie könnten handeln, entscheiden sich dagegen.

Gerade hier entfaltet das Gedicht seine zynische Schärfe. Denn es beschreibt keine Gesellschaft, die an ihren Problemen scheitert, sondern eine, die sie erfolgreich ignoriert. Die Ironie – „Zum Glück sind wir jetzt klug“ – entlarvt sich selbst: Diese Klugheit besteht vor allem darin, unangenehme Wahrheiten auszublenden. Fortschritt wird zur rhetorischen Pose, nicht zur gelebten Praxis.

Und damit ist die Relevanz des Textes kaum zu übersehen. Die beschriebenen Mechanismen sind zeitlos, vielleicht heute sogar noch ausgeprägter. In einer Welt permanenter Information ist Wegschauen keine Folge von Unwissen, sondern eine aktive Leistung. Man weiß – und entscheidet sich dennoch für die Distanz. Die moralische Selbstvergewisserung („wir sind besser geworden“) existiert parallel zu fortbestehender Ungleichheit, Ausbeutung und Entmenschlichung.

Das Gedicht stellt damit eine unangenehme Frage: Was nützt historisches Lernen, wenn es nicht in gegenwärtiges Handeln übersetzt wird? Oder zugespitzt: Ist eine Gesellschaft wirklich fortschrittlich, wenn sie ihre Probleme nur eleganter verdrängt?

Die letzte Zeile – „Uns’re Zeit, sie ist so nett“ – klingt wie ein freundlicher Schlusspunkt. Tatsächlich ist sie ein Urteil. Kein lautes, kein empörtes, sondern eines, das gerade durch seine Gelassenheit verstört. Denn es legt nahe, dass die größte Gefahr nicht im offenen Unrecht liegt, sondern in seiner stillschweigenden Akzeptanz.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Gegenwart ist nicht deshalb „nett“, weil sie besser ist – sondern weil sie gelernt hat, ihre eigenen Widersprüche auszuhalten, ohne daran zu zerbrechen. Oder, weniger freundlich formuliert: ohne etwas daran zu ändern.

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„Sonett“ erschien 2001 im Rahmen der Anthologie „Autoren-Werkstatt 81 – Ein Wort, das eine Brücke schlägt“, ISBN 3-8301-0170-8

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