Lieber sterben als sich selbst verraten (Platon)

Gedanken, Analyse und Interpretation zu Platons Kriton

Es gibt Texte, die uns faszinieren, weil sie Antworten geben.
Und es gibt Texte, die uns nicht loslassen, weil sie eine Antwort geben, die wir eigentlich nicht hören wollen.

Kriton gehört eindeutig zur zweiten Sorte.

Denn intuitiv scheint die Sache doch klar: Ein unschuldiger Mann sitzt im Gefängnis. Freunde organisieren seine Flucht. Das Urteil war ungerecht. Der Staat hat versagt. Also flieht man.

Fast jeder moderne Actionfilm wäre nach fünf Minuten zu Ende, wenn die Hauptfigur stattdessen sagen würde: »Nein danke, ich bleibe hier. Das wäre moralisch problematisch.«

Und genau das tut Sokrates.
Nicht aus Angst.
Nicht aus Schwäche.
Nicht, weil Flucht unmöglich wäre.
Sondern weil er überzeugt ist, dass ein Mensch sich nicht selbst beschädigen darf – auch dann nicht, wenn die Welt ihn beschädigt.

Das ist die eigentliche Provokation des Dialogs.

Die moderne Intuition: Natürlich flieht man

Der heutige Leser steht dem Kriton meist zunächst mit einer fast automatischen Ablehnung gegenüber.
Denn unsere politische Erfahrung lautet: Staaten können irren. Gerichte können ungerecht sein. Gesetze können unmoralisch werden.

Spätestens das 20. Jahrhundert hat jede naive Gleichsetzung von Recht und Gerechtigkeit zerstört.
Wer etwa in einem Unrechtsstaat blind gehorcht, handelt nicht automatisch moralisch. Im Gegenteil: Gerade der Widerstand gegen Gesetze wurde vielerorts zur moralischen Pflicht.

Und deshalb wirkt Sokrates zunächst irritierend, fast befremdlich.
Warum akzeptiert er ein Urteil, das offensichtlich falsch ist?
Warum stellt er die Ordnung des Staates über sein eigenes Leben?
Warum flieht er nicht einfach?

Vielleicht verteidigt Sokrates gar nicht den Staat

Doch genau hier lohnt sich genaueres Hinsehen.
Denn möglicherweise verteidigt Sokrates weniger den Staat als vielmehr die Einheit der eigenen Persönlichkeit.
Sein entscheidender Gedanke lautet nicht: »Der Staat hat immer recht.«
Sondern: »Ich darf nicht selbst Unrecht tun.«

Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Sokrates denkt Moral nicht strategisch, nicht situationsabhängig, nicht emotional.
Für ihn verliert eine Handlung ihren moralischen Charakter nicht dadurch, dass sie verständlich erscheint.

Mit anderen Worten: Auch ein ungerecht behandelter Mensch darf nicht einfach alles tun.
Das klingt unbequem, weil es uns einen beliebten Fluchtweg nimmt: die moralische Ausnahmegenehmigung im eigenen Namen.

Die gefährliche Sehnsucht nach Rechtfertigung

Der Kriton enthält deshalb eine unangenehme Wahrheit über den Menschen überhaupt.
Wir neigen dazu, unser eigenes Verhalten davon abhängig zu machen, was andere tun.

Wer unfair behandelt wird, möchte unfair zurückschlagen.
Wer verletzt wird, möchte verletzen.
Wer betrogen wird, hält Betrug plötzlich für nachvollziehbar.
Wer Hass erlebt, beginnt oft selbst zu hassen.

Der Mensch besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, seine eigenen Grenzüberschreitungen moralisch zu dekorieren.
Sokrates verweigert genau das.
Er akzeptiert nicht die Logik: »Die anderen waren zuerst schlecht.«
Denn wenn Moral nur noch Reaktion ist, verschwindet sie letztlich vollständig.
Dann entscheidet nicht mehr das Gewissen über das Handeln, sondern bloß noch die jeweilige Eskalationsstufe der Umgebung.

Die Gesetze sprechen – und es wird kompliziert

Besonders spannend wird der Dialog dort, wo Platon die Gesetze Athens selbst sprechen lässt.
Diese Passage wirkt zunächst fast autoritär: Die Gesetze erinnern Sokrates daran,
dass sie ihn erzogen hätten,
dass er unter ihrem Schutz lebte,
dass er Athen freiwillig nie verlassen habe.

Heute reagieren viele Leser darauf allergisch – zu Recht.
Denn Staaten lieben die Vorstellung, mit Eltern verwechselt zu werden. Wer Gehorsam möchte, spricht gern von Ordnung, Gemeinschaft, Verantwortung oder Vaterland.

Und doch wäre es zu einfach, den Text bloß als Unterwerfungsphilosophie zu lesen.
Denn Sokrates unterwirft sich nicht aus Angst vor Macht. Er unterwirft sich einer selbst akzeptierten Ordnung.
Das ist etwas anderes.

Die eigentliche Frage lautet daher: Kann ein Gemeinwesen überhaupt existieren, wenn jeder Bürger Gesetze nur noch dann akzeptiert, wenn sie ihm gerade gefallen?
Der Kriton zwingt uns, über genau dieses Problem nachzudenken.

Zwischen blindem Gehorsam und völliger Beliebigkeit

Vielleicht liegt die Größe des Dialogs gerade darin, dass er keine einfache Lösung liefert.
Denn beide Extreme wirken gefährlich.
Ein Staat, dessen Gesetze bedingungslos gelten, kann in die Tyrannei führen.
Ein Staat hingegen, dessen Regeln nur noch freiwillige Vorschläge sind, zerfällt irgendwann vollständig.

Zwischen diesen Polen bewegt sich der Text.
Und vielleicht ist genau deshalb bis heute nicht endgültig geklärt, ob Sokrates bewundernswert oder problematisch handelt.
Womöglich ist er beides zugleich.

Die eigentliche Radikalität des Sokrates

Was den Kriton letztlich so außergewöhnlich macht, ist nicht Staatsphilosophie.
Es ist Charakter.

Sokrates bleibt derselbe Mensch:
vor Gericht,
im Gefängnis,
angesichts des Todes.

Er verkauft seine Überzeugungen nicht in dem Moment, in dem sie unbequem werden.
Das unterscheidet echte Prinzipien von bloßen Dekorationen.
Viele Menschen besitzen moralische Überzeugungen – solange sie nichts kosten.
Sokrates dagegen nimmt seine Gedanken so ernst, dass er bereit ist, für sie zu sterben.

Das macht ihn bis heute zugleich bewundernswert und verstörend.
Denn der Dialog stellt jedem Leser unausgesprochen dieselbe Frage:

Was bleibt von deinen Überzeugungen übrig, wenn Angst, Verlust oder Gefahr hinzukommen?

Und plötzlich sitzt nicht mehr nur Sokrates im Gefängnis.
Ein Stück weit sitzen wir mit dort.

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