Ketten, Schatten, Kompetenzen: Wie man Menschen für eine Zukunft ausbildet, die man ihnen gleichzeitig verbaut (Marx/Engels)


Gedanken, Analyse und Interpretation zu „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Karl Marx und Friedrich Engels

Manchmal beginnt Weltgeschichte mit einem Satz, der klingt, als hätte ihn ein Dichter mit Sinn für Drama geschrieben und ein Revolutionär mit Sinn für Timing unterschrieben: Ein Gespenst gehe um in Europa. Mehr Einstieg geht kaum. Karl Marx und Friedrich Engels wussten ziemlich genau, was sie da taten, als sie 1848 ihr „Manifest der Kommunistischen Partei“ eröffneten. Das ist kein trockener Theorietext, sondern eine Mischung aus Analyse, Kampfansage und literarischem Paukenschlag – ein Text, der die Welt nicht nur erklären, sondern gleich mit umräumen will.

Und er macht dabei etwas, das bis heute irritiert: Er behauptet, die Welt sei nicht einfach, wie sie ist, sondern so, wie sie gemacht wurde – und entsprechend auch anders gemacht werden kann. Das klingt erstmal banal. Ist es aber nicht. Denn wer so denkt, kommt schnell in Konflikt mit all denen, die ein sehr berechtigtes Interesse daran haben, dass alles genau so bleibt, wie es gerade ist.

Im Manifest erscheint Gesellschaft nicht als Ort harmonischer Entwicklung, sondern als Dauerbaustelle mit eingebautem Konflikt. Geschichte ist Klassenkampf, heißt es, und das wird nicht als zugespitzte Metapher gemeint, sondern ziemlich wörtlich. Die Bourgeoisie, also die besitzende Klasse, ist dabei keine Karikatur, sondern ein ziemlich ambivalenter Akteur: Sie hat den Feudalismus gesprengt, die Welt vernetzt, Produktivkräfte entfesselt – und damit gleichzeitig die Bedingungen geschaffen, unter denen sie selbst infrage gestellt wird. Fortschritt und Problem fallen hier auffällig oft zusammen. Ganz im Sinne von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, nur eben ohne dessen Hang zur idealistischen Versöhnung. Bei Marx bleibt der Widerspruch stehen. Und arbeitet weiter.

Macht erscheint in diesem Gefüge nicht als Frage individueller Stärke oder moralischer Qualität, sondern als strukturelle Angelegenheit. Wer über Produktionsmittel verfügt, hat Macht. Wer nur seine Arbeitskraft anbieten kann, eher nicht. Das eigentlich Elegante – oder Zynische – daran ist, dass diese Verhältnisse sich selten als Machtverhältnisse ausgeben. Sie wirken wie Naturgesetze. Märkte „regeln“ das schon, heißt es dann, als hätte man es hier mit dem Wetter zu tun und nicht mit historisch gewachsenen Strukturen. Marx’ Pointe ist simpel und ernüchternd zugleich: Diese Ordnung ist gemacht. Und was gemacht ist, kann verändert werden. Theoretisch jedenfalls.

Praktisch steht dem eine erstaunlich robuste Größe im Weg: Angst. Der berühmte Satz, die Proletarier hätten nichts zu verlieren als ihre Ketten, funktioniert weniger als ökonomische Analyse denn als psychologischer Hebel. Denn natürlich haben Menschen etwas zu verlieren – Bindungen, Routinen, halbwegs verlässliche Unsicherheiten. Aber die Idee, dass die eigene Lage vielleicht weniger stabil ist, als sie scheint, und dass gerade darin eine Möglichkeit liegt, ist gefährlich. In diesem Moment ist Marx plötzlich näher an Rio Reiser als an vielen Ökonomen: Wer keine Angst mehr hat, wird handlungsfähig. Das Problem ist nur, dass Angst ein erstaunlich langlebiger Rohstoff ist.

Das Individuum spielt im Manifest eine eigenartige Rolle. Es tritt nicht als autonomer Held auf, sondern als Teil eines Kollektivs, das erst durch gemeinsames Handeln überhaupt so etwas wie Wirksamkeit entwickelt. Selbstverwirklichung, wie man sie heute gern beschwört, ist hier kein Ausgangspunkt, sondern eher ein mögliches Ergebnis veränderter Verhältnisse. Engagement entsteht nicht aus moralischer Empörung – da wäre man eher bei Georg Büchner und seinem „Hessischen Landboten“ – sondern aus Einsicht. Wer versteht, wie die Dinge zusammenhängen, könnte auf die Idee kommen, sie nicht länger hinzunehmen. Könnte.

Dass dieser Text bis heute gelesen wird, hat auch mit seiner Form zu tun. Das Manifest ist kein literarisches Werk im klassischen Sinn, aber es nutzt literarische Mittel mit einer Selbstverständlichkeit, die manchem Roman gut zu Gesicht stünde. Der dramatische Einstieg, die klaren Gegensätze, die rhythmische Verdichtung – hier schaut durchaus Johann Wolfgang Goethe um die Ecke, zumindest stilistisch. Am Ende steht kein vorsichtig formuliertes Fazit, sondern ein Satz, der sich problemlos auf ein Transparent drucken lässt. Man könnte sagen: hohe Rhetorik mit praktischer Anschlussfähigkeit.

Interessant wird es, wenn man die gedanklichen Linien weiter zurückverfolgt. Schon Sokrates weigerte sich bekanntlich, Wahrheit zur Ware zu machen, und unterschied sich damit demonstrativ von den Sophisten. Platon ließ seine Gefesselten in der Höhle sitzen und Schatten für Realität halten. Marx liefert gewissermaßen die soziologische Fußnote dazu: Die Schatten haben Gründe. Sie entstehen nicht zufällig, sondern unter bestimmten Bedingungen. Und Theodor W. Adorno wird später den freundlichen Hinweis geben, dass es vielleicht gar nicht so einfach ist, sich diesen Bedingungen zu entziehen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – ein Satz, der klingt wie die resignierte Version dessen, was bei Marx noch als veränderbar erscheint.

Damit sind wir mitten in der Frage der Bildung, und die ist, wenig überraschend, alles andere als neutral. Wenn Heinz-Joachim Heydorn davon spricht, dass Bildung der Entwicklung des Individuums dienen solle, klingt das zunächst angenehm unverdächtig. In der Realität ordnet sich Bildung jedoch bemerkenswert häufig dem unter, was man höflich Verwertbarkeit nennt. Man lernt, was gebraucht wird, und gebraucht wird, was sich verwerten lässt. Der Rest heißt dann gern „Persönlichkeitsbildung“ und darf im Zweifel gekürzt werden, wenn die Mittel knapp sind.

Dabei leben wir in einer Welt, die sich schneller verändert, als Lehrpläne überarbeitet werden können. Berufe verschwinden, neue entstehen, bestehende wandeln sich in einem Tempo, das selbst Optimisten nervös machen könnte. Und mittendrin steht ein Bildungssystem, das mit den Mitteln der Vergangenheit, Materialien der Gegenwart und dem Budget von vorgestern Menschen auf eine Zukunft vorbereiten soll, die niemand genau kennt. Das ist kein Vorwurf, das ist eher eine Zustandsbeschreibung. Eine leicht absurde, zugegeben.

Vor diesem Hintergrund bekommt die alte Frage aus Platons Höhle eine neue Schärfe: Wollen wir eigentlich, dass alle die Schatten als solche erkennen? Denn wer sie erkennt, stellt Fragen. Und wer Fragen stellt, passt nicht immer reibungslos in Strukturen, die auf Funktionieren angewiesen sind. Bildung, die wirklich zur Selbstständigkeit und Kritik befähigt, hat daher etwas leicht Subversives. Sie zeigt nicht nur, wie man in der Welt zurechtkommt, sondern auch, dass diese Welt veränderbar ist. Und genau da wird es politisch.

Das Manifest ist in diesem Sinne weniger ein historisches Dokument als ein ziemlich hartnäckiger Stachel. Es erinnert daran, dass Gesellschaft kein Naturzustand ist, dass Machtverhältnisse nicht vom Himmel fallen und dass Ohnmacht oft gelernt wird. Und es stellt eine Frage, die man erstaunlich gut verdrängen kann: Wollen wir Menschen, die verstehen, wie die Dinge funktionieren – oder genügt es, wenn sie funktionieren?

Man kann diese Frage natürlich elegant umschiffen. Man kann sie in Kompetenzrastern auflösen, in Reformprogrammen verstecken oder in wohlklingenden Leitbildern versenken. Aber sie bleibt. Und genau deshalb liest man diesen alten Text immer noch – nicht, weil er alle Antworten hätte, sondern weil er die falschen Fragen so zuverlässig kaputtmacht.

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