Göttlicher Befehl oder schlechter Vorwand? Warum Abraham kein Argument ist. Überlegungen zu Kierkegaard (Kierkegaard)

Es gibt Ideen, die faszinieren, gerade weil sie gefährlich sind. Furcht und Zittern von Søren Kierkegaard gehört zweifellos dazu. Sein Abraham ist keine Figur für gemütliche Religiosität, sondern ein Störfall: ein Mensch, der bereit ist, das moralisch Undenkbare zu tun – und gerade deshalb als Inbegriff des Glaubens gilt. Wer das ernst nimmt, landet schnell bei einer unangenehmen Frage: Wenn jemand behauptet, einem „höheren Auftrag“ zu folgen – woran erkennen wir, ob das Glaube ist oder bloß ein sehr schlechtes Argument?

Kierkegaards Antwort ist ebenso radikal wie unpraktisch. Am Beispiel von Abraham entwickelt er die Idee, dass echter Glaube dort beginnt, wo Ethik und Vernunft enden. Der Einzelne tritt in ein absolutes Verhältnis zu Gott, das sich weder erklären noch rechtfertigen lässt. Die berühmte „teleologische Suspension des Ethischen“ bedeutet nichts anderes, als dass allgemeine moralische Regeln im Extremfall außer Kraft gesetzt werden können – nicht weil sie falsch sind, sondern weil etwas noch Höheres sie übersteigt. Abraham weiß, dass er moralisch Ungeheuerliches tut. Er handelt nicht im guten Gewissen, sondern im Paradox. Genau das macht ihn für Kierkegaard zum „Ritter des Glaubens“.

So weit die Theorie. Und sie ist, isoliert betrachtet, philosophisch bestechend: Sie entlarvt die Illusion, man könne alles moralisch begründen und rational absichern. Sie zwingt dazu, die Grenze zwischen Wissen und Glauben ernst zu nehmen. Nur hat diese Einsicht einen Haken: Sie funktioniert hervorragend im Denkraum – und ausgesprochen schlecht in der Welt.

Denn sobald man den Blick von Abraham abwendet und auf reale Gewalt richtet, wird die Sache ungemütlich konkret. Moderne Täter, seien sie politisch radikalisiert oder ideologisch verblendet, berufen sich regelmäßig auf „höhere Wahrheiten“. Gruppen wie der Nationalsozialistischer Untergrund oder Einzelakteure wie Anders Behring Breivik präsentieren ihre Taten nicht als bloße Impulse, sondern als notwendig, gerechtfertigt, ja geradezu moralisch geboten. Der Unterschied zu Abraham? Auf den ersten Blick kleiner, als man hoffen würde: Auch hier subjektive Gewissheit, auch hier der Bruch mit geltenden Normen.

Und genau hier entscheidet sich, ob man Kierkegaard verstanden hat – oder missbraucht. Denn der scheinbare Parallelfall zerfällt bei genauerem Hinsehen. Kierkegaards Abraham handelt nicht im Namen einer Ideologie, nicht im Dienst eines Programms, nicht mit dem Ziel, andere zu überzeugen oder zu mobilisieren. Er steht allein. Sein Handeln ist nicht kommunizierbar, nicht propagierbar, nicht verallgemeinerbar. Es ist, im strengsten Sinne, unbrauchbar für jede politische Agenda. Wer daraus eine Rechtfertigung ableiten will, hat den entscheidenden Schritt bereits übersprungen: die Einsicht in seine Nicht-Übertragbarkeit.

Extremistische Gewalt funktioniert genau entgegengesetzt. Sie ist laut, erklärend, rechtfertigend. Sie operiert mit Feindbildern, kollektiven Identitäten und vermeintlichen Notwendigkeiten. Sie sucht Öffentlichkeit und Wirkung. Und vor allem: Sie will Zustimmung. Der Täter tritt nicht aus der Welt heraus in ein unverständliches Verhältnis zu Gott, sondern versucht, die Welt davon zu überzeugen, dass sie ihm folgen sollte. Das ist kein Paradox, sondern Propaganda.

An diesem Punkt wird eine zweite Ebene sichtbar, die weniger philosophisch klingt, aber entscheidend ist: die Logik der Rechtfertigung. In extremistischen Diskursen tauchen immer wieder die gleichen Muster auf. Erstens die Relativierung: Andere seien schließlich auch gewalttätig. Zweitens der Whataboutism: Der Blick wird gezielt auf völlig andere Fälle gelenkt, um den eigenen zu entlasten. Drittens fiktive Szenarien: Was wäre, wenn man gezwungen wäre? Viertens die Selbstviktimisierung: Man habe keine Wahl gehabt. All diese Strategien haben eine Funktion – sie verschieben Verantwortung. Aus einer Tat wird eine angebliche Notwendigkeit, aus einem Täter ein vermeintlich Getriebener.

Kierkegaards Abraham ist dafür denkbar ungeeignet. Er kann nichts verschieben. Er kann sich nicht erklären. Er kann sich nicht entschuldigen. Gerade deshalb ist er philosophisch interessant – und praktisch unbrauchbar. Wer ihn dennoch als Vorbild oder gar als Argument ins Feld führt, betreibt keine Philosophie, sondern eine besonders elegante Form der Ausrede.

Hier setzen Kritiker wie Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud an. Nietzsche würde den „göttlichen Befehl“ vermutlich als Projektion lesen – als Ausdruck menschlicher Bedürfnisse nach Sinn, Ordnung oder Macht. Freud ginge noch einen Schritt weiter und würde darin die Externalisierung innerer Konflikte sehen. Beide Perspektiven treffen einen wunden Punkt bei Kierkegaard: Wenn der Maßstab vollständig ins Subjekt verlagert wird, fehlt ein Kriterium, um zwischen Glauben und Selbsttäuschung zu unterscheiden. Oder, weniger höflich formuliert: Wer garantiert, dass der „Sprung des Glaubens“ nicht einfach ein Sprung ins eigene Wunschdenken ist?

Die Pointe ist unangenehm, aber unvermeidlich. Kierkegaard zeigt, dass Glaube nicht rational überprüfbar ist. Nietzsche und Freud zeigen, dass genau diese Nicht-Überprüfbarkeit ein Problem ist. Zusammengenommen ergibt sich eine Spannung, die sich nicht auflösen lässt: Der radikale Glaube ist philosophisch denkbar, aber sozial nicht tragfähig.

Deshalb ziehen moderne Gesellschaften eine Grenze, die bei Kierkegaard bewusst offen bleibt. Sie bestehen auf überprüfbaren Normen, auf rechtlicher Verantwortung und auf universellen Maßstäben wie den Menschenrechten. Subjektive Gewissheit – egal ob religiös oder ideologisch – reicht nicht aus, um Gewalt zu legitimieren. Und das ist keine Einschränkung von Freiheit, sondern ihre Voraussetzung. Denn ohne gemeinsame Maßstäbe bleibt nur das Recht des Stärkeren – oder, etwas höflicher gesagt: das lauteste „Ich habe recht“.

Am Ende bleibt Abraham das, was er bei Kierkegaard sein soll: ein Grenzfall. Er markiert den Punkt, an dem Denken ins Wanken gerät. Aber genau deshalb taugt er nicht als Argument für irgendetwas, das über diesen Grenzfall hinausgeht. Wer ihn zur Rechtfertigung realer Gewalt heranzieht, verwechselt Analyse mit Anleitung – und Philosophie mit Ausrede.

Oder noch pointierter:
Abraham ist kein Vorbild. Er ist eine Warnung.

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