Die Kunst, sich selbst maximal im Weg zu stehen (Watzlawick)

Gedanken, Analyse und Interpretation zu Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“

Es gibt Bücher, die versprechen den Weg zum Glück.

Zehn Schritte zum Erfolg.
Sieben Regeln für erfüllte Beziehungen.
Fünf Geheimnisse innerer Zufriedenheit.

Der Markt für solche Versprechen ist seit Jahrhunderten erstaunlich stabil. Offenbar kaufen Menschen immer wieder dieselbe Hoffnung in neuer Verpackung.

Paul Watzlawick wählt einen anderen Weg.

Er schreibt keine Anleitung zum Glücklichsein.

Er schreibt eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Und wie so oft verrät eine gute Satire mehr über die Wirklichkeit als ein ganzer Stapel ernst gemeinter Ratgeberliteratur.

Denn während andere Autoren erklären, was man tun sollte, beschreibt Watzlawick mit bewundernswerter Präzision, was Menschen tatsächlich tun.

Sie sorgen sich.

Sie grübeln.

Sie vergleichen.

Sie erwarten das Schlimmste.

Und wenn das Schlimmste ausbleibt, finden sie meist noch etwas Neues, worüber sie sich Sorgen machen können.

Der Mensch ist ein bemerkenswert kreatives Wesen.

Aus denselben Fähigkeiten, die Kunst, Wissenschaft und Philosophie hervorbringen, entstehen auch Katastrophenszenarien, Selbstzweifel und schlaflose Nächte.

Eine Gazelle flieht vor dem Löwen.

Der Mensch hingegen kann sich noch Jahre später fragen, ob der Löwe damals vielleicht etwas gegen ihn hatte.

Watzlawicks berühmte Geschichte vom Hammer bringt dieses Prinzip auf den Punkt.

Ein Mann möchte sich vom Nachbarn einen Hammer leihen.

Eigentlich eine Angelegenheit von wenigen Sekunden.

Doch bevor er klingelt, beginnt er nachzudenken.

Vielleicht mag der Nachbar ihn nicht.

Vielleicht war dessen Gruß gestern unfreundlich gemeint.

Vielleicht hält er ihn für lästig.

Vielleicht wird er ihn ablehnen.

Vielleicht verachtet er ihn sogar.

Als der Nachbar schließlich die Tür öffnet, ist der Besucher bereits so sehr in seinem selbst erschaffenen Drama gefangen, dass er ihn anschreit und wieder verschwindet.

Der Hammer bleibt unerreicht.

Der Konflikt ist vollständig.

Der Nachbar weiß nur nicht, dass er daran beteiligt war.

Man könnte darüber lachen.

Man sollte darüber lachen.

Denn genau deshalb funktioniert die Geschichte.

Fast jeder erkennt darin etwas von sich selbst.

Nicht unbedingt beim Hammer.

Aber bei den Gesprächen, die nie geführt wurden.

Bei den Streitereien, die nur im Kopf stattfanden.

Bei den Feindbildern, die auf Vermutungen beruhten.

Bei den Sorgen, die sich später als vollkommen überflüssig erwiesen.

Watzlawick beschreibt damit nicht bloß einen psychologischen Mechanismus.

Er beschreibt eine menschliche Grundkonstante.

Wir erleben die Welt nicht direkt.

Wir erleben unsere Interpretation der Welt.

Zwischen Wirklichkeit und Erfahrung liegt ein Filter aus Erinnerungen, Erwartungen, Ängsten und Hoffnungen.

Die meisten Menschen halten diesen Filter für die Wirklichkeit selbst.

Genau dort beginnt das Unglück.

Dabei ist Watzlawicks Sicht keineswegs naiv.

Er behauptet nicht, dass Leid eingebildet sei.

Krankheit existiert.

Verlust existiert.

Krieg existiert.

Ungerechtigkeit existiert.

Aber zusätzlich zu diesen realen Belastungen schaffen Menschen oft noch eine zweite Ebene des Leidens.

Die Geschichte über das Leid.

Und diese Geschichte wird nicht selten größer als das ursprüngliche Problem.

In diesem Punkt erinnert Watzlawick erstaunlich an Kafka.

Auch bei Kafka geraten Menschen in Systeme, deren Regeln sie nicht verstehen.

Sie kämpfen gegen Mächte, die oft mehr in ihrem Bewusstsein als in der Wirklichkeit existieren.

Josef K. in „Der Prozess“ wird von einem undurchsichtigen Gericht verfolgt.

Der Mann mit dem Hammer wird von seinen eigenen Vorstellungen verfolgt.

Der Unterschied ist lediglich die Verpackung.

Das Prinzip bleibt dasselbe.

Die Vorstellung wird mächtiger als die Wirklichkeit.

Vielleicht erklärt das auch, warum Watzlawicks Buch heute aktueller wirkt als bei seinem Erscheinen.

Die sozialen Medien haben den Hammer lediglich digitalisiert.

Heute genügt ein Beitrag, ein Kommentar oder ein missverstandener Satz.

Binnen Minuten entstehen Absichten, Motive und Feindbilder.

Menschen reagieren auf Interpretationen von Interpretationen von Interpretationen.

Der ursprüngliche Sachverhalt spielt irgendwann kaum noch eine Rolle.

Die Empörung läuft längst auf Autopilot.

Der Nachbar hat noch gar nichts gesagt.

Aber das Internet weiß bereits, was er gemeint haben muss.

Bemerkenswert ist dabei die Nähe zu vielen modernen Glücksversprechen.

Denn während die einen behaupten, alles sei schrecklich, behaupten die anderen, man müsse nur die richtige Methode anwenden, um dauerhaft glücklich zu werden.

Beide Positionen überschätzen die Kontrolle.

Beide unterstellen, das Leben müsse vollständig beherrschbar sein.

Beide scheitern an derselben Realität.

Menschen sind keine Maschinen.

Das Leben ist kein Projektplan.

Und Glück ist kein Zustand, den man wie eine Software installieren kann.

Gerade darin liegt eine der klügsten Beobachtungen des Buches.

Unglücklich wird häufig nicht derjenige, der wenig besitzt.

Unglücklich wird oft derjenige, der das Leben mit einem perfekten Entwurf vergleicht, den es nie gegeben hat.

Die verpasste Gelegenheit.

Die angeblich falsche Entscheidung.

Das bessere Leben, das irgendwo hinter der nächsten Abbiegung gewartet hätte.

Man könnte sagen:

Der Mensch leidet oft weniger an seinem tatsächlichen Leben als an den Geistern seiner Alternativbiografien.

Watzlawicks Antwort darauf ist überraschend bescheiden.

Keine Heilslehre.

Keine Erlösung.

Keine zehn Schritte zur vollkommenen Zufriedenheit.

Nur die Einladung, den eigenen Gedanken gelegentlich mit demselben Misstrauen zu begegnen, mit dem man die Behauptungen anderer betrachtet.

Vielleicht ist der Nachbar gar nicht feindselig.

Vielleicht ist die Katastrophe gar nicht unvermeidlich.

Vielleicht ist das Leben weder perfekt noch hoffnungslos.

Vielleicht ist es einfach das Leben.

Das klingt wenig spektakulär.

Es verkauft sich vermutlich schlechter als die meisten Glücksratgeber.

Aber gerade darin liegt die Stärke des Buches.

Watzlawick verspricht keine Wunder.

Er zeigt lediglich, wie viele unserer selbstgebauten Käfige eigentlich keine Schlösser besitzen.

Manchmal genügt es bereits, die Tür zu bemerken.

Und manchmal beginnt genau dort etwas, das man nicht unbedingt Glück nennen muss.

Aber vielleicht Freiheit.

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