Oder: Warum Schopenhauer uns vor manchen Menschen warnen wollte
Es gibt Bücher, die helfen uns, Menschen besser zu verstehen.
Und es gibt Bücher, nach deren Lektüre man sich fragt, ob man einige Menschen vielleicht besser meiden sollte.
Arthur Schopenhauers Eristische Dialektik, meist unter dem Titel Die Kunst, Recht zu behalten bekannt, gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Auf den ersten Blick wirkt das Werk wie ein Handbuch erfolgreicher Streitführung. Schopenhauer beschreibt darin 38 Kunstgriffe, mit deren Hilfe sich Diskussionen gewinnen lassen, auch wenn die besseren Argumente beim Gegenüber liegen.
Man kann die Position des Gegners übertreiben.
Man kann Begriffe heimlich umdefinieren.
Man kann von der Sache auf die Person wechseln.
Man kann Nebenschauplätze eröffnen.
Man kann Autoritäten zitieren, wenn die eigenen Gedanken nicht ausreichen.
Man kann verwirren, ablenken, provozieren und beleidigen.
Kurz gesagt:
Man kann fast alles tun, außer ehrlich nach Wahrheit suchen.
Der erstaunliche Teil des Buches besteht allerdings nicht darin, dass diese Tricks funktionieren.
Der erstaunliche Teil besteht darin, wie vertraut sie uns vorkommen.
Denn Schopenhauer beschreibt nicht irgendeinen exotischen Menschenschlag.
Er beschreibt den Menschen.
Oder zumindest jene Seiten des Menschen, die wir besonders ungern bei uns selbst entdecken.
Die meisten Leser betrachten die Kunstgriffe zunächst wie Werkzeuge.
Das ist verständlich.
Wer möchte nicht wissen, wie Manipulation funktioniert?
Wer möchte nicht erkennen, wann jemand versucht, ihn rhetorisch über den Tisch zu ziehen?
Doch je länger man liest, desto mehr verändert sich der Charakter des Buches.
Aus einem Werkzeugkasten wird ein Spiegel.
Und genau dort beginnt das Unbehagen.
Denn plötzlich erkennt man nicht nur den politischen Gegner.
Man erkennt Kollegen.
Verwandte.
Kommentatoren.
Parteien.
Talkshows.
Influencer.
Und gelegentlich leider auch sich selbst.
Besonders faszinierend ist dabei, dass Schopenhauer beinahe zweihundert Jahre vor dem Internet eine präzise Beschreibung seiner Funktionsweise geliefert hat.
Nehmen wir den Kunstgriff der Übertreibung.
Jemand sagt:
„Wir sollten über die Probleme unseres Bildungssystems sprechen.“
Die Antwort lautet:
„Aha. Du willst also sämtliche Schulen abschaffen!“
Der Gegner hat das nie behauptet.
Aber plötzlich verteidigt er sich gegen eine Position, die gar nicht seine ist.
Willkommen im Zeitalter des Strohmanns.
Oder nehmen wir die Begriffsverschiebung.
Ein Wort bedeutet zunächst A.
Später bedeutet es B.
Schließlich bedeutet es alles und nichts zugleich.
Irgendwann diskutieren zwei Menschen leidenschaftlich über denselben Begriff und merken nicht einmal mehr, dass sie längst über völlig verschiedene Dinge sprechen.
Willkommen in der politischen Gegenwart.
Noch schöner ist der Kunstgriff des persönlichen Angriffs.
Solange Argumente ausgetauscht werden, besteht die Gefahr, dass jemand die besseren hat.
Also wird aus der Frage:
„Ist das wahr?“
die Frage:
„Wer hat das gesagt?“
Und schon wird nicht mehr über Inhalte gesprochen, sondern über Herkunft, Motive, Charaktereigenschaften oder Frisuren.
Eine bemerkenswert effektive Methode.
Vor allem dann, wenn die Argumente ausgegangen sind.
All diese Kunstgriffe verbindet eine Gemeinsamkeit:
Sie dienen nicht der Wahrheitsfindung.
Sie dienen der Selbstverteidigung.
Schopenhauer beschreibt damit weniger eine Theorie des Denkens als eine Theorie der Eitelkeit.
Denn der eigentliche Gegner in seinen Beispielen ist selten die Wahrheit.
Der eigentliche Gegner ist die Möglichkeit, sich geirrt zu haben.
Und genau hier wird das Buch politisch.
Ideologien leben nicht von Wahrheit.
Ideologien leben von Gewissheit.
Wer bereits alles weiß, muss nichts mehr prüfen.
Wer bereits recht hat, muss nichts mehr lernen.
Wer bereits im Besitz der Wahrheit ist, braucht keine Argumente mehr.
Deshalb ähneln ideologische Debatten häufig den Kunstgriffen Schopenhauers.
Begriffe werden umgedeutet.
Gegner werden karikiert.
Kritiker werden moralisch diskreditiert.
Komplexität wird vereinfacht.
Zweifel werden verdächtig.
Der Zweck besteht nicht darin, Wirklichkeit zu verstehen.
Der Zweck besteht darin, Recht zu behalten.
Das Problem endet jedoch nicht bei Ideologien.
Es betrifft jede demokratische Gesellschaft.
Demokratie lebt von Konflikten.
Sie lebt von Meinungsverschiedenheiten.
Sie lebt sogar vom Streit.
Aber sie lebt nicht vom Rechthaben.
Sie lebt von der Möglichkeit, Irrtümer zu korrigieren.
Wissenschaft funktioniert so.
Gerichte funktionieren so.
Parlamente sollten so funktionieren.
Selbst die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte beruht letztlich auf dieser Idee.
Sie beansprucht nicht Unfehlbarkeit.
Sie versucht vielmehr, Regeln zu schaffen, die Menschen vor den Folgen menschlicher Irrtümer schützen.
Genau deshalb ist die Fähigkeit, sich irren zu können, keine Schwäche.
Sie ist eine demokratische Tugend.
Wer hingegen niemals irrt, wird früher oder später gefährlich.
Denn Unfehlbarkeit ist eine Eigenschaft von Göttern.
Oder von Fanatikern.
Und die Übergänge sind bekanntlich fließend.
Ein Freund vertritt eine interessante Lesart von Schopenhauers Buch.
Er betrachtet die Kunst, Recht zu behalten nicht als Anleitung, Diskussionen zu gewinnen.
Für ihn endet die Schrift mit einer viel einfacheren Frage:
Warum pflegt man überhaupt Umgang mit Menschen, bei denen solche Methoden notwendig sind?
Diese Frage trifft den Kern des Problems vielleicht besser als alle 38 Kunstgriffe zusammen.
Denn jede funktionierende Beziehung – ob Freundschaft, Liebe, Wissenschaft oder Demokratie – beruht auf einer stillschweigenden Voraussetzung:
Dass Wahrheit wichtiger ist als Eitelkeit.
Wo diese Voraussetzung verloren geht, beginnen die Kunstgriffe.
Wo die Kunstgriffe beginnen, endet das Gespräch.
Und wo das Gespräch endet, bleibt nur noch der Kampf darum, wer als Letzter behaupten darf, recht gehabt zu haben.
Schopenhauer hätte vermutlich gesagt, das sei die menschliche Natur.
Vielleicht hatte er recht.
Vielleicht erklärt das auch, warum sein Buch bis heute so aktuell wirkt.
Und so beunruhigend.
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