Bloch, Wecker und die Suche nach einer Heimat, die noch keiner besessen hat

Über Vaterland, Mutterland, Mutter Natur und den rechten Irrtum, Zugehörigkeit sei Eigentum
Heimat ist eines jener Wörter, die klingen, als hätten sie warme Hände. Es ruft Bilder auf von Kindheit, Sprache, Gerüchen, Landschaften, vertrauten Wegen, Stimmen, vielleicht auch von einem Ort, an dem man nicht erklären muss, warum man da ist. Doch kaum nimmt rechtsaußen dieses Wort in den Mund, bekommt es kalte Finger. Dann meint Heimat nicht mehr Erinnerung, Zugehörigkeit oder Geborgenheit, sondern Besitz: unser Land, unser Volk, unsere Kultur, unsere Frauen. Aus einem möglichen Zuhause wird ein umzäuntes Revier. Aus Menschen werden Bestandteile einer nationalen Inventarliste. Der rechte Heimatbegriff liebt nicht, er greift zu.
Genau an diesem Punkt wird Ernst Blochs Denken wichtig. Bloch befreit Heimat aus der Geiselhaft der Herkunft. Heimat ist bei ihm nicht einfach das, was hinter uns liegt, nicht das Dorf von früher, nicht die Fahne, nicht die Scholle, nicht der Stammbaum, nicht die Mottenkiste mit Familienwappen und muffiger Geschichtsklitterung. Heimat ist bei Bloch etwas, das noch aussteht. Etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war. Dieser Gedanke ist radikal, weil er Heimat nicht als Besitz versteht, sondern als Utopie. Heimat ist nicht das, was man hat. Heimat ist das, was erst möglich werden müsste.
Damit steht Bloch frontal gegen jene, die Heimat als Eigentum behandeln. Rechtsaußen sagt: Heimat ist, was uns gehört. Bloch sagt: Heimat ist, was noch nicht eingelöst ist. Rechtsaußen will zurück in eine angeblich reine Vergangenheit. Bloch richtet den Blick nach vorn, auf eine Welt, in der Menschen ohne Erniedrigung, Angst, Ausbeutung und Ausschluss leben könnten. Da prallen Mottenkiste und Utopie aufeinander. Und die Mottenkiste sieht nicht gut aus.
Die zentrale Frage lautet daher: Wie lässt sich mit Ernst Blochs utopischem Heimatbegriff, Konstantin Weckers Vaterland-Texten, Brechts Warnung vor dem Hass gegen Vaterländer und Heines kritischer Deutschlandliebe eine Vorstellung von Heimat entwickeln, die nicht Besitz, Grenze und Machtanspruch meint, sondern Verantwortung, Beziehung, Individualität, Selbstwirksamkeit und eine noch uneingelöste Menschlichkeit?
Diese Frage ist nicht nur literarisch oder philosophisch. Sie ist politisch. Denn der Kampf um Heimat ist immer auch ein Kampf um Macht. Wer bestimmt, wer dazugehört? Wer darf sprechen? Wer wird geschützt? Wer wird benutzt? Wer wird ausgeschlossen? Wer sagt „wir“ — und wen meint dieses „wir“ nicht? Gerade die rechte Rede von Heimat ist selten harmlos. Sie klingt nach Schutz, meint aber oft Kontrolle. Sie klingt nach Kultur, meint aber häufig Ausschluss. Sie klingt nach Liebe zum Eigenen, meint aber nicht selten Verachtung für andere.
Besonders deutlich wird das in der Formel: unser Land, unser Volk, unsere Kultur, unsere Frauen. In jedem dieser „unser“ steckt ein Griff. Nicht eine Beziehung, sondern eine Besitznahme. Das Land wird zur Scholle, das Volk zur geschlossenen Masse, Kultur zum Museumsstück mit Wachhund, Frauen zu nationalem Eigentum, Geschichte zur Ausrede und Zukunft zur Drohung. Alles wird eingezäunt, etikettiert und bewacht. Das ist keine Heimat. Das ist ein Spind mit Blut-und-Boden-Aufkleber.
Wer „unser Land“ sagt, könnte damit Verantwortung meinen. Er könnte meinen: Wir leben hier, also müssen wir dafür sorgen, dass Menschen hier gut, frei und sicher leben können. Rechtsaußen meint aber oft etwas anderes: Wer darf bestimmen? Wer darf bleiben? Wer muss sich anpassen? Wer wird verdächtig gemacht? Das Land wird nicht als gemeinsamer Lebensraum gedacht, sondern als Besitzstand. Dabei gehört ein Land nie nur denen, die am lautesten brüllen. Ein Land besteht aus den Menschen, die darin leben, arbeiten, lieben, streiten, hoffen, scheitern, neu anfangen. Es ist kein Revier für politische Platzhirsche mit Geschichtsallergie.
Wer „unser Volk“ sagt, tut oft so, als sei Volk etwas Natürliches, Reines, Abgeschlossenes. Als gäbe es eine ursprüngliche Einheit, die nur gegen äußere Einflüsse verteidigt werden müsse. Das ist eine bequeme Lüge. Gesellschaften sind immer gemischt, widersprüchlich, historisch gewachsen, verändert, offen, konflikthaft. Ein Volk ist kein Besitz. Es ist keine Blutgruppe mit Hymne. Es ist keine geschlossene Veranstaltung mit Türsteher und schlechter Beleuchtung. Wer Menschen nur als Teil eines Kollektivs gelten lässt, nimmt ihnen ihre Individualität. Aus Bürgerinnen und Bürgern werden dann Bestandteile einer nationalen Dekoration.
Wer „unsere Kultur“ sagt, meint selten die lebendige, widersprüchliche, streitbare Kultur selbst. Kultur lebt von Austausch, Veränderung, Aneignung, Kritik, Übersetzung, Widerspruch. Kultur ist Bewegung. Sie ist kein Porzellanservice, das man nur sonntags aus dem Schrank holt, um zu beweisen, dass man bessere Vorfahren hatte. Rechtsaußen behandelt Kultur gern wie ein Museum mit Alarmanlage: anschauen, verehren, nicht anfassen, nicht verändern, und bitte nur mit passendem Stammbaum eintreten. Aber Kultur, die bewacht werden muss wie ein Parkplatz, ist vermutlich schon tot — oder war nie besonders lebendig.
Und wer „unsere Frauen“ sagt, hat den politischen Offenbarungseid bereits unterschrieben. Dann geht es nicht um Schutz, sondern um Kontrolle. Frauen erscheinen nicht als Subjekte, sondern als Besitzstand des Kollektivs. Der angebliche Schutz vor „fremden Männern“ dient dann oft nur dazu, die eigene Verfügungsfantasie moralisch zu lackieren. Das ist keine Sorge. Das ist Patriarchat mit Blaulichtattrappe. Frauen werden zur Grenze gemacht, zum Symbol, zum nationalen Zubehör. Der Satz „unsere Frauen“ ist kein Schutzversprechen, sondern die Besitzanzeige des Patriarchats.
Hier wird Machtmissbrauch sichtbar. Menschen werden zu Symbolen gemacht. Frauenkörper werden zur Grenze. Kultur wird zur Waffe. Heimat wird zur Drohung. Das Individuum verschwindet hinter der Besitzformel. Der rechte Heimatbegriff ist deshalb nicht einfach ein falsches Gefühl, sondern ein Machtinstrument. Er sortiert Menschen. Er verteilt Zugehörigkeit. Er erzeugt Ohnmacht bei denen, die nicht hineinpassen, und Scheinmacht bei denen, die sich als Besitzer fühlen dürfen.
Die Ohnmacht spielt dabei eine entscheidende Rolle. Viele rechte Besitzfantasien entstehen aus realer oder gefühlter Ohnmacht: sozialer Abstieg, Kontrollverlust, Angst vor Veränderung, Kränkung, Bedeutungslosigkeit. Das muss man sehen, ohne es zu entschuldigen. Menschen, die sich ohnmächtig fühlen, suchen nach Halt. Aber rechtsaußen verwandelt diese Ohnmacht nicht in Solidarität, sondern in Herrschaftswunsch. Statt zu fragen: Warum fühlen sich Menschen ausgeliefert? wird gebrüllt: Wem können wir etwas wegnehmen? Wen können wir ausschließen? Wen können wir kleiner machen?
Das ist der hässliche Zaubertrick: Aus eigener Ohnmacht wird Machtmissbrauch gegen Schwächere. Der nach oben ohnmächtige Mensch spielt nach unten Herr. Er tritt nicht gegen die Verhältnisse, die ihn klein machen, sondern gegen Menschen, die noch weniger geschützt sind. Politisch ist das erbärmlich. Menschlich ist es gefährlich. Und literarisch darf man es ruhig mit der Zange anfassen.
Blochs Heimatbegriff widerspricht dieser Logik grundsätzlich. Heimat ist bei ihm nicht das, was man gegen andere verteidigt, sondern das, was überhaupt erst entstehen kann, wenn Menschen nicht mehr erniedrigt werden. Heimat ist kein Besitzstand, sondern eine Aufgabe. Sie ist kein Rückzugsort für Gekränkte, die sich eine Vergangenheit zusammenbasteln, in der sie endlich wichtig gewesen wären. Sie ist eine Zukunftsfrage. Heimat wäre dort, wo Menschen nicht mehr ausgeschlossen werden müssen, damit andere sich zugehörig fühlen.
Damit verändert sich auch das Gesellschaftsbild. Der rechte Heimatbegriff denkt Gesellschaft geschlossen, hierarchisch und misstrauisch. Er braucht klare Grenzen: innen und außen, oben und unten, normal und abweichend, Mann und Frau, wir und die. Individualität ist in diesem Bild verdächtig. Wer anders lebt, anders liebt, anders glaubt, anders spricht, anders aussieht oder einfach nur anders denkt, stört die behauptete Einheit. Vielfalt erscheint nicht als Reichtum, sondern als Angriff. Kritik gilt nicht als Engagement, sondern als Verrat. Selbstwirksamkeit wird ersetzt durch Gefolgschaft.
Bloch steht für ein anderes Gesellschaftsbild. Wenn Heimat noch nicht ist, dann kann sie nur entstehen, wenn Menschen handeln. Nicht als Masse, sondern als Subjekte. Nicht im Gleichschritt, sondern in Freiheit. Blochs Hoffnung ist keine gemütliche Vertröstung. Sie ist keine Sofadecke für enttäuschte Weltverbesserer. Hoffnung ist Arbeit am Noch-Nicht. Sie verlangt Vorstellungskraft, Mut, Widerspruch, Engagement. Wer hofft, sieht die Welt nicht nur, wie sie ist, sondern wie sie anders werden könnte. Daraus entsteht Selbstwirksamkeit: Ich bin nicht bloß Objekt von Geschichte, Herkunft oder Nation. Ich kann handeln. Ich kann widersprechen. Ich kann mitbauen an einer Welt, die den Namen Heimat vielleicht irgendwann verdient.
Konstantin Weckers Vaterland-Texte führen diese Frage in die politische und poetische Gegenwart. Wecker nimmt das beschädigte Wort „Vaterland“ nicht einfach hin. Er stellt es unter Verdacht. Was soll das sein, ein Vaterland? Wem gehört es? Wer darf darin vorkommen? Wer wird ausgeschlossen? Warum klingt dieses Wort so oft nach Befehl, Grenze, Pflicht und Besitz? Wecker stellt dem nationalen Pathos keine neue Fahne entgegen, sondern eine Zumutung: Wenn ein Land Liebe verlangt, muss es sich fragen lassen, ob es selbst lieben kann.
Bei Wecker wird „Vaterland“ nicht als stolzes Eigentum besungen, sondern als fragwürdige Beziehung. Ein Vaterland, das Gehorsam will, ist kein Zuhause. Es ist eine Erziehungsanstalt mit Hymne. Wenn ein Land nur dann geliebt werden will, wenn man seine Lügen verschweigt, seine Gewalt entschuldigt und seine Opfer übersieht, dann verlangt es keine Liebe, sondern Unterwerfung. Wecker verwechselt Heimat nicht mit nationaler Selbstverherrlichung. Er sucht nach einer Zugehörigkeit, die nicht Besitz sagt, sondern Verantwortung.
Gerade darin liegt seine Nähe zu Bloch. Beide lösen Heimat aus der Vergangenheit. Beide misstrauen dem Besitzanspruch. Beide bestehen darauf, dass Zugehörigkeit nicht auf Kosten anderer entstehen darf. Bloch denkt Heimat als utopisches Ziel. Wecker befragt das Vaterland, bis seine Besitzrhetorik Risse bekommt. Gemeinsam zeigen sie: Heimat ist nicht das, was man hat, sondern das, was man möglich macht.
Bertolt Brechts Herr-K.-Text „Vaterlandsliebe, der Haß gegen Vaterländer“ bringt eine wichtige Warnung hinzu. Herr K. hält es nicht für nötig, in einem bestimmten Land zu leben. Er sagt, er könne überall hungern. Das ist ein bitterer, internationalistischer Satz. Doch als er einem feindlichen Offizier begegnet, der ihn vom Bürgersteig zwingt, bemerkt er an sich selbst, dass er nicht nur diesen Mann hasst, sondern plötzlich auch dessen Land. Für einen Moment ist er selbst Nationalist geworden. Brecht zeigt damit etwas Unbequemes: Nationalismus ist ansteckend. Er macht nicht nur seine Anhänger dumm. Er versucht auch seine Gegner in seine Grammatik zu zwingen.
Das ist für den Heimatbegriff entscheidend. Der Hass gegen Vaterländer ist noch keine Befreiung vom Vaterland. Wer Nationalismus nur mit Gegen-Nationalismus beantwortet, hat den Gegner nicht besiegt, sondern seine Sprache gelernt. Dann heißt es nicht mehr: Dieser Mensch hat mich erniedrigt. Sondern: Dieses Land ist mein Feind. Aus konkretem Unrecht wird kollektiver Hass. Aus Widerstand wird Spiegelung. Aus Kritik wird Gegenbesitz.
Brecht warnt also davor, im Kampf gegen Nationalismus selbst nationalistisch zu werden. Das ist eine anspruchsvolle Warnung, weil sie keine bequeme moralische Überlegenheit erlaubt. Man kann den Nationalismus ablehnen und trotzdem in seine Denkform geraten. Man kann gegen Vaterlandspathos sein und dennoch in Kategorien von Land, Feind, Kollektiv und Vergeltung denken. Genau deshalb braucht es Bloch. Blochs Heimat ist keine umgedrehte Fahne. Sie ist der Versuch, aus der Logik von Besitz und Gegenbesitz herauszukommen.
Heinrich Heine erweitert dieses Spannungsfeld um eine andere Form der Zugehörigkeit: Liebe als Widerspruch. Heine konnte Deutschland lieben und zugleich seine politischen, religiösen und geistigen Verklemmungen gnadenlos verspotten. Er zeigt, dass Kritik an einem Land nicht aus Lieblosigkeit kommen muss. Im Gegenteil: Manchmal ist scharfe Kritik die einzige ehrliche Form von Zugehörigkeit. Wer nur loben will, liebt nicht das Land, sondern sein eigenes Bedürfnis nach Beifall.
Heine sprengt den falschen Gegensatz zwischen Kritik und Heimat. Wer Deutschland kritisiert, ist nicht automatisch heimatlos. Wer Deutschland bejubelt, ist nicht automatisch verbunden. Die patriotischen Schreihälse, die bei jedem Widerspruch Verrat wittern, lieben oft nur eine Kulisse. Sie lieben ein Deutschland, das ihnen recht gibt, sie bestätigt, sie erhöht. Heine dagegen liebt nicht die Fahne, sondern die Freiheit. Und wenn Deutschland dieser Freiheit im Weg steht, bekommt Deutschland eben literarisch eine mit der Bratpfanne.
Das ist wichtig für die Frage nach Individualität und Engagement. In einem offenen Heimatbegriff ist Kritik kein Störfall, sondern Lebenszeichen. Eine Gesellschaft, die keine Kritik aushält, ist keine Heimat, sondern ein Wartesaal für Autoritäre. Engagement bedeutet nicht, brav mitzusingen. Es bedeutet, sich einzumischen, zu widersprechen, Verantwortung zu übernehmen. Selbstwirksamkeit beginnt dort, wo Menschen nicht mehr darauf warten, dass ihnen Zugehörigkeit von oben bestätigt wird, sondern wo sie die Bedingungen des Zusammenlebens selbst mitgestalten.
Damit wird auch der Unterschied zwischen Vaterland, Mutterland und Mutter Natur bedeutsam. „Vaterland“ ist ein schwer beladenes Wort. Es klingt nach Linie, Name, Erbe, Grenze, Pflicht, Besitz, Verteidigung. Es ist patriarchal aufgeladen. Es steht stramm, selbst wenn es behauptet, gemütlich zu sein. Das Vaterland ist die politische Vaterfigur: Es verlangt Treue, Gehorsam, Opferbereitschaft und Dankbarkeit. Es spricht selten leise. Es räuspert sich wie ein Oberstudienrat mit Reservistenvergangenheit.
„Mutterland“ verschiebt diese Logik. Das Wort ist seltener, weicher, körperlicher, beziehungsreicher. Es klingt weniger nach Besitz und mehr nach Herkunft, Geburt, Verletzlichkeit, Bindung. Das macht es nicht automatisch unschuldig, aber es verändert die Vorstellung. Ein Mutterland lässt sich schwerer als Revier markieren. Es fordert eher Beziehung als Befehl. Genau deshalb passt es den Herrenmännchen nicht ins Konzept. Wer Land als Besitz denkt, will keine Mutter. Er will Grundbuch, Grenzzaun und Stammtischvollmacht.
„Mutter Natur“ geht noch weiter. Sie sprengt den nationalen Rahmen vollständig. Natur ist nicht deutsch, nicht französisch, nicht türkisch, nicht polnisch. Sie ist nicht einbürgerbar und nicht abschiebbar. Sie hat keine Hymne, keinen Pass und keine Lust auf Grenzkontrollen. Sie ist die Bedingung allen Lebens. Wer sie zerstört, zerstört nicht fremdes Eigentum, sondern die gemeinsame Grundlage. Mutter Natur ist die große Demütigung für alle Besitzdenker: Sie gehört ihnen nicht. Und wenn sie kippt, kippt sie nicht patriotisch.
Damit bekommt Heimat eine ökologische und existenzielle Dimension. Ein Land kann man nicht lieben, wenn man seine Böden vergiftet, seine Flüsse ruiniert, seine Wälder verheizt und dann mit Fahne danebensteht wie ein Brandstifter beim Richtfest. Wer Heimat ernst nimmt, muss mehr schützen als nationale Symbole. Er muss Lebensgrundlagen schützen. Er muss fragen, wie Menschen wohnen, arbeiten, atmen, essen, leben können. Mutter Natur antwortet auf Vaterlandsrhetorik nicht mit Verachtung. Sie schickt einfach die Rechnung.
Der Bezug zur heutigen Zeit liegt offen auf dem Tisch. Rechtsaußen arbeitet weiterhin mit Besitzformeln: unser Land, unsere Grenzen, unsere Kultur, unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Sprache. Das klingt nach Schutz, ist aber oft Machtpolitik. Es geht darum, Angst in Zustimmung zu verwandeln. Ohnmacht wird kanalisiert, Feindbilder werden geliefert, Zugehörigkeit wird an Bedingungen geknüpft. Wer nicht passt, soll raus aus dem Bild. Wer widerspricht, ist Verräter. Wer differenziert, stört. Wer Menschlichkeit einfordert, gilt als naiv.
Heute geschieht das nicht nur auf Marktplätzen, sondern in Kommentarspalten, Talkshows, Wahlkämpfen, Memes und Empörungswellen. Der Besitzanspruch wird digitalisiert. Das alte „Wir“ bekommt WLAN. Die Logik bleibt: Menschen werden sortiert. Kultur wird zur Waffe. Heimat wird zur Drohung. Das ist die politische Mülltrennung der Unmenschlichkeit: brauchbar, unbrauchbar, fremd, verdächtig, störend. Und über allem hängt ein Schild mit der Aufschrift „gesunder Menschenverstand“, obwohl drinnen nur Ressentiment mit schlechter Belüftung lagert.
Gerade deshalb ist Bloch hochaktuell. In einer Zeit von Klimakrise, sozialer Spaltung, Migration, Krieg und Demokratiekrise reicht ein Heimatbegriff nicht aus, der in der Vergangenheit herumwühlt wie ein beleidigter Gartenzwerg im Kompost. Heimat kann nicht mehr als Besitzstand gedacht werden. Eine bewohnbare Welt entsteht nicht durch Grenzfantasien, sondern durch Verantwortung. Nicht durch Ausschluss, sondern durch Gestaltung. Nicht durch die Frage, wem etwas gehört, sondern durch die Frage, wie wir leben wollen.
Wecker ist aktuell, weil er die emotionale Dimension ernst nimmt. Menschen brauchen Zugehörigkeit. Man kann ihnen nicht einfach sagen: Heimat ist Quatsch, fühl halt global. So funktioniert kein Herz, und schon gar kein verletztes. Die Frage ist nicht, ob Menschen Heimat brauchen. Die Frage ist, wer ihnen welche Heimat anbietet: eine offene, menschliche, verantwortliche — oder eine eingezäunte, aggressive, besitzgierige. Wer Heimat den Rechten überlässt, überlässt ihnen ein mächtiges Wort. Besser ist, ihnen den Besitzanspruch aus der Hand zu schlagen.
Das bedeutet nicht, selbst in Besitzlogik zu verfallen. Genau hier stehen Bloch, Wecker, Brecht und Heine zusammen. Bloch sagt: Heimat ist noch nicht. Wecker fragt: Was wäre ein Vaterland wert, wenn es nicht lieben kann? Brecht warnt: Werde im Kampf gegen Nationalisten nicht selbst einer. Heine zeigt: Liebe zu einem Land kann als Spott, Schmerz und Widerspruch erscheinen. Zusammen entsteht ein Heimatbegriff, der nicht einfriert, sondern öffnet. Nicht Eigentum, sondern Aufgabe. Nicht Rückkehr, sondern Zukunft.
Welche Bedeutung hat das für Individualität? Eine große. Denn eine Heimat, die noch keiner besessen hat, kann nicht von einer gleichgeschalteten Masse geschaffen werden. Sie braucht Individuen, die sich nicht auf Herkunft reduzieren lassen. Sie braucht Menschen, die mehr sind als Vertreter einer Gruppe. Sie braucht Eigensinn, Widerspruch, Fantasie, Mut, Empathie. Eine Gesellschaft, die Individualität fürchtet, kann keine Heimat schaffen. Sie kann nur Ordnung simulieren.
Welche Bedeutung hat das für Engagement? Engagement wird zur Gegenbewegung gegen Ohnmacht. Wer sich engagiert, sagt: Ich bin nicht bloß ausgeliefert. Ich kann etwas tun. Ich kann Begriffe zurückholen. Ich kann Menschen schützen. Ich kann widersprechen. Ich kann Räume schaffen, in denen Zugehörigkeit nicht an Ausschluss gebunden ist. Das ist nicht romantisch. Das ist anstrengend. Aber Heimat war nie die Couch der Geschichte. Heimat, wenn sie mehr sein soll als Kitsch, ist Arbeit.
Welche Bedeutung hat das für Selbstwirksamkeit? Selbstwirksamkeit heißt, nicht auf die Erlaubnis der Besitzstandswahrer zu warten. Nicht darauf zu warten, dass irgendein nationales „Wir“ einen aufnimmt oder ausspuckt. Menschen werden handlungsfähig, wenn sie begreifen, dass Gesellschaft nicht naturgegeben ist. Sie wird gemacht. Und was gemacht wird, kann anders gemacht werden. Genau darin liegt Blochs Hoffnung: Die Welt ist nicht fertig. Zum Glück. Denn wenn sie fertig wäre, sähe es an manchen Stellen aus, als hätte ein schlecht gelaunter Stammtisch die Bauleitung gehabt.
Am Ende steht eine klare Unterscheidung. Heimat als Besitz ist eine Lüge. Heimat als Aufgabe ist eine Möglichkeit. Der rechte Heimatbegriff macht die Welt kleiner, enger, härter. Er braucht Feinde, um sich selbst zu spüren. Er braucht Grenzen, um Bedeutung zu simulieren. Er braucht Frauen als Symbole, Kultur als Waffe, Volk als Masse und Land als Revier. Er ist kein Ausdruck von Liebe, sondern von Angst mit Machtfantasie.
Blochs Heimat dagegen ist offen. Sie ist nicht harmlos, nicht bequem, nicht fertig. Sie verlangt, dass Menschen die Welt bewohnbar machen. Weckers Vaterland-Texte zeigen, wie notwendig es ist, beschädigte Wörter nicht den Falschen zu überlassen. Brechts Herr K. erinnert daran, dass Gegenhass noch keine Freiheit ist. Heine zeigt, dass Spott und Kritik Formen einer wachen Zugehörigkeit sein können. Vaterland, Mutterland, Mutter Natur: Am Ende geht es nicht darum, etwas zu besitzen, sondern bewohnbar zu machen.
Eine Heimat, die noch keiner besessen hat, wäre keine nationale Beute. Sie gehörte nicht denen, die am lautesten „wir“ schreien, und nicht denen, die Kultur konservieren wollen, bis sie schimmelt. Sie entstünde dort, wo Menschen nicht sortiert, benutzt, vertrieben oder gegeneinander aufgehetzt werden. Sie wäre kein Grundbuch, keine Blutlinie, kein Museum, kein Herrenclub. Sie wäre eine Welt, in der niemand ausgeschlossen werden muss, damit andere sich zugehörig fühlen.
Ein Volk ist kein Eigentum. Eine Kultur ist kein Museumsstück. Ein Land ist kein Revier. Und Frauen sind ganz sicher kein nationales Zubehör. Wer Heimat besitzen will, hat sie bereits missverstanden. Der rechte Heimatbegriff ist ein Eigentumsdelikt an der Zukunft.
Heimat wird nicht kleiner, wenn man sie teilt. Sie wird erst Heimat dadurch, dass sie nicht als Besitz verteidigt werden muss. Vielleicht beginnt sie genau dort, wo jemand dem alten „Unser!“ die Hand vom Türgriff nimmt. Und vielleicht ist Blochs Heimat gerade deshalb so gefährlich für die Patridioten: Man kann sie nicht erben, nicht einzäunen, nicht beschlagnahmen, nicht in Frakturschrift an die Wand hängen. Man muss sie schaffen. Gemeinsam. Frei. Menschlich. Ohne Maulkorb.

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