Warum die Software ständig nervt
Es gibt Dinge, die braucht kein Mensch. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht trotzdem erfunden werden. Im Gegenteil. Manchmal habe ich den Eindruck, dass gerade die Dinge, die niemand haben möchte, mit besonderem Nachdruck unter die Leute gebracht werden müssen.
Neulich wollte ich mit WhatsApp eine Nachricht verschicken. An mich selbst. Das klingt zunächst einmal nach einem ernsthaften Fall von Kommunikationsarmut, hat aber einen praktischen Hintergrund. Ich benutze WhatsApp gelegentlich, um Dateien von meinem Handy auf meinen Computer zu übertragen. Ich schicke sie mir selbst, öffne WhatsApp Web am Rechner und hole sie dort wieder ab. Fertig. Kein Kabel, keine umständliche Verbindung, keine Suche nach irgendwelchen Freigaben.
Eine wunderbare Sache.
Nun hatte ich kürzlich meine Telefonnummer gewechselt, und plötzlich funktionierte das nicht mehr wie gewohnt. Also wollte ich die künstliche Intelligenz fragen, die WhatsApp mir seit einiger Zeit ungefragt zur Verfügung stellt.
Ich schilderte ihr mein Problem und schickte die Nachricht ab.
Zumindest versuchte ich es.
WhatsApp teilte mir mit, dass meine Nachricht nicht gesendet werden konnte.
Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Da stellt man mir ungefragt eine künstliche Intelligenz zur Verfügung, und als ich sie tatsächlich einmal benutzen möchte, scheitert das Unternehmen bereits daran, meine Frage bei ihr abzuliefern.
Vielleicht war sie gerade damit beschäftigt, sich auf anderen Handys bemerkbar zu machen.
Das eigentliche Problem ließ sich schließlich anders lösen. WhatsApp besitzt nämlich eine Funktion, mit der man Nachrichten an sich selbst schicken kann. Man muss nur wissen, wo sie sich versteckt.
Endlich kann der Mensch also mit technischer Unterstützung Selbstgespräche führen. Sogar mit Lesebestätigung. Zwei blaue Häkchen beweisen, dass man sich selbst zugehört hat.
Früher musste man sich da noch auf sein Gefühl verlassen.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine automatische Antwortfunktion, damit man sich endlich selbst widersprechen kann, ohne sich dafür auch noch anstrengen zu müssen.
Und eines Tages meldet WhatsApp womöglich: „Du wurdest von dir selbst blockiert.“
Dann sollte man vielleicht doch einmal über seine Gesprächsführung nachdenken.
Was mich an WhatsApp allerdings schon länger stört, ist diese Schaltfläche für die künstliche Intelligenz von Meta. Sie sitzt da, wo ich sie nicht brauche, und wartet darauf, dass ich versehentlich mit dem Finger daraufkomme.
Was gelegentlich geschieht.
Ich möchte dann eigentlich etwas ganz anderes machen, lande aber bei einer Funktion, die ich gar nicht benutzen wollte.
Also fragte ich, ob man diesen Knopf nicht einfach ausblenden könne.
Nein, kann man nicht.
WhatsApp bietet dafür keine entsprechende Einstellung an. Ich darf selbst entscheiden, ob ich die künstliche Intelligenz benutze. Ich darf nur nicht entscheiden, ob ich ihren Knopf ständig sehen möchte.
Das erinnert mich an ein Schweizer Taschenmesser. Eine ausgesprochen nützliche Erfindung. Es enthält verschiedene Werkzeuge, von denen man einige regelmäßig braucht und andere vielleicht sein ganzes Leben lang nicht.
Das ist überhaupt kein Problem, solange die unbenutzten Werkzeuge eingeklappt bleiben.
Man stelle sich allerdings ein Taschenmesser vor, bei dem jedes Mal, wenn man einen Apfel schneiden möchte, ungefragt der Korkenzieher herausspringt.
Man klappt ihn zurück, versucht erneut, den Apfel zu schneiden, und schon ist er wieder da.
Irgendwann möchte man dann tatsächlich eine Flasche Wein öffnen und stellt fest, dass der Korkenzieher gar nicht funktioniert.
Ein Schweizer Meta-Messer gewissermaßen.
Und auf die Frage, ob man den Korkenzieher wenigstens dauerhaft einklappen könne, erklärt der Hersteller, dass dies leider nicht vorgesehen sei.
Man arbeite aber bereits an einer neuen Funktion, mit der sich der Korkenzieher künftig auch beim Zähneputzen automatisch ausklappen lasse.
Nun möchte ich keineswegs behaupten, dass technische Entwicklungen grundsätzlich dazu dienen, uns das Leben schwerzumachen.
Ganz im Gegenteil.
Ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen man einem Computer seine Wünsche mit Befehlen mitteilen musste. Wer nicht wusste, was er eintippen sollte, kam nicht besonders weit.
Dann kamen grafische Benutzeroberflächen und die Computermaus.
Ich finde, Douglas Engelbart, der wesentlich an der Entwicklung der Computermaus beteiligt war, hätte dafür ein Denkmal verdient. Vielleicht irgendwo im Silicon Valley. Eine riesige Maus auf einem Sockel, darunter eine Inschrift: „Er hat uns das Klicken beigebracht.“
Die Maus hat die Bedienung des Computers entscheidend verändert. Plötzlich konnte man Dinge auf dem Bildschirm auswählen, verschieben, kopieren, einfügen und öffnen, ohne dafür erst eine Befehlssprache lernen zu müssen.
Heute gibt es Menschen, die mit einem Computer vermutlich kaum noch etwas anfangen könnten, wenn ihre Maus ausfiele.
Ich selbst benutze nach wie vor gerne Tastenkombinationen. Nicht aus nostalgischer Verbundenheit mit der Computersteinzeit, sondern weil manches damit einfach schneller geht.
Aber ich möchte die Maus keineswegs missen. Schließlich kann man mit ihr sogar den Browser öffnen und sich die Sendung mit der Maus ansehen. Wenn das kein Fortschritt ist!
Das Interessante ist doch: Diese Entwicklung hat den Menschen mehr Möglichkeiten gegeben. Sie hat Hindernisse beseitigt.
Und nun sitzen wir vor Benutzeroberflächen, auf denen uns wieder Hindernisse begegnen. Nicht weil die Technik etwas nicht könnte, sondern weil jemand entschieden hat, dass wir eine bestimmte Funktion gefälligst zur Kenntnis nehmen sollen.
Der Computer wurde einmal leichter bedienbar gemacht, damit wir uns weniger mit seiner Bedienung beschäftigen müssen.
Heute beschäftigen wir uns mitunter wieder mit seiner Bedienung, weil uns die Benutzeroberfläche nicht in Ruhe lässt.
Dieses Verhalten ist keine Erfindung der Softwareindustrie. Früher musste man dafür noch einen Vertreter an die Haustür schicken. Der hatte immerhin den Vorteil, dass man ihm persönlich sagen konnte, dass man nichts kaufen wollte.
Bei Meta entfällt dieser umständliche Zwischenschritt. Man verzichtet gleich auf die Frage.
Vor einigen Jahren stand ein Vertreter von Bofrost vor meiner Tür. Er wollte mich davon überzeugen, mich mit Tiefkühlkost beliefern zu lassen.
Ich erklärte ihm, dass ich daran kein Interesse hätte. Nicht einmal, weil ich etwas gegen seine Produkte gehabt hätte. Ich besaß schlicht keine Gefriertruhe.
Das schien ihn nicht besonders zu beeindrucken.
Er redete und redete. Ich erklärte erneut, weshalb sein Angebot für mich nicht infrage kam. Er redete weiter.
Irgendwann beschloss ich, meinen Widerstand aufzugeben.
Zumindest scheinbar.
Wir besprachen die Produkte, gingen die Unterlagen durch, und ich überlegte sogar, was ich wohl bestellen würde, wenn ich eine Gefriertruhe hätte.
Der Mann schöpfte Hoffnung.
Schließlich lag der Vertrag vor mir. Ich hätte nur noch unterschreiben müssen.
Das tat ich nicht.
Er war empört.
Er hatte meine Bereitschaft, mich eine halbe Ewigkeit mit Tiefkühlkost zu beschäftigen, als untrügliches Zeichen meiner Kaufabsicht verstanden.
Dabei hatte ich ihm lediglich die Gelegenheit gegeben, sein Verkaufsgespräch vollständig zu Ende zu führen. Eine Art berufliche Fortbildung unter erschwerten Bedingungen.
Ich erklärte ihm, dass ich bereits zu Beginn gesagt hatte, dass ich nichts kaufen wollte. Hätte er mein Nein akzeptiert, hätten wir uns beide eine Menge Zeit sparen können.
Er sah das anders.
Immerhin kam er nie wieder.
Im Nachhinein frage ich mich, ob ich diese Methode nicht auch bei den Zeugen Jehovas hätte anwenden sollen, die mich über Jahre hinweg regelmäßig besuchten.
Die hatten ein bemerkenswertes Talent dafür, genau dann vor meiner Tür zu stehen, wenn ich gerade nach Hause gekommen war, völlig erschöpft, und mich vielleicht für ein oder zwei Stunden hinlegen wollte.
Es klingelte.
„Wir würden gerne mit Ihnen über Gott sprechen.“
Ich hingegen hätte gerne geschlafen.
Nun will ich niemandem absprechen, über Gott sprechen zu wollen. Das ist ein legitimes Bedürfnis.
Allerdings sollte auch mein Bedürfnis, nicht über Gott sprechen zu wollen, eine gewisse Legitimität besitzen.
Vor allem in meiner eigenen Wohnung.
Und wenn man mir schon das ewige Leben in Aussicht stellt, könnte man mir doch wenigstens vorher zwei Stunden davon zum Schlafen überlassen.
Vielleicht hätte ich die Besucher einfach hereinbitten und ihnen ausführlich erklären sollen, weshalb ich gerade schlafen wollte. Mit einer kleinen Präsentation über Müdigkeit, Schlafphasen und die gesundheitlichen Vorteile ungestörter Ruhe.
Und unmittelbar vor dem abschließenden Gebet hätte ich mich verabschiedet.
Aber so konsequent war ich damals leider nicht.
Was haben nun ein Tiefkühlkostvertreter, religiöse Besucher und ein KI-Knopf gemeinsam? Sie beschäftigen mich mit Dingen, mit denen ich mich überhaupt nicht beschäftigen wollte. Der Vertreter hörte mein Nein und ignorierte es. Die Besucher kamen wieder, obwohl ich kein Interesse hatte. Die Software erspart sich gleich die Mühe, mich zu fragen.
In allen drei Fällen musste ich mich mit etwas auseinandersetzen, das ich nicht verlangt hatte. Und jedes Mal war es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich wieder meine Ruhe bekam.
Was mich inzwischen fast noch mehr beschäftigt als diese aufdringlichen Angebote, ist meine eigene Wahrnehmung.
Denn nachdem ich mich wieder einmal über den Meta-Button geärgert hatte, öffnete ich ganz bewusst Telegram.
Ich wollte nachsehen, ob dort ebenfalls eine solche Schaltfläche herumlungert.
Tat sie nicht.
Und da fiel mir etwas auf: Ich hatte das vorher überhaupt nicht bemerkt.
Ich benutze Telegram, ohne mich darüber zu freuen, dass mir dort kein unerwünschter KI-Knopf im Weg ist. Ich nehme es einfach hin.
Bei WhatsApp hingegen fällt mir der Knopf ständig auf.
Das ist doch eigentlich erstaunlich.
Wir Menschen besitzen ein besonderes Talent dafür, Dinge wahrzunehmen, die uns stören.
Evolutionär dürfte das sinnvoll gewesen sein.
Wer durch die Landschaft spazierte und sich ausschließlich an den schönen Blumen erfreute, dabei aber den Tiger übersah, hatte nicht besonders lange Gelegenheit, seine Naturverbundenheit auszuleben.
Der Tiger war wichtiger als die Blume.
Nun begegnen uns in unserem heutigen Alltag glücklicherweise nur noch selten Tiger. Jedenfalls außerhalb zoologischer Einrichtungen.
Unser Wahrnehmungsapparat lässt sich davon nicht beeindrucken.
Er entdeckt weiterhin zuverlässig alles, was uns stören könnte.
Und wenn gerade kein Tiger verfügbar ist, genügt auch ein kleiner bunter Knopf auf dem Handy.
Das Merkwürdige daran ist, dass wir die Abwesenheit solcher Störungen kaum wahrnehmen.
Ich denke nicht darüber nach, wie angenehm es ist, dass die Lichtschalter funktionieren.
Und ich bin mir normalerweise auch nicht ausdrücklich bewusst, dass ich gerade keine Zahnschmerzen habe.
Erst wenn der Schalter versagt oder ein Zahn zu schmerzen beginnt, beschäftigen mich diese Dinge.
Vielleicht liegt darin sogar ein unfreiwilliges Kompliment an all die Menschen, deren Arbeit wir normalerweise gar nicht bemerken.
Im Handwerk gibt es schließlich den Spruch: „Gute Arbeit sieht man nicht.“
Man kann sich an einer hervorragend ausgeführten Arbeit erfreuen. Aber im Alltag bedeutet gute Arbeit häufig, dass wir uns mit ihr überhaupt nicht mehr beschäftigen müssen.
Eine ordentlich eingebaute Tür geht auf und zu.
Eine schlecht eingebaute Tür erinnert uns bei jeder Benutzung daran, dass jemand seine Arbeit nicht besonders gut gemacht hat.
Vielleicht gilt das auch für Software.
Die beste Benutzeroberfläche ist nicht unbedingt diejenige, die uns ständig vor Augen führt, welche großartigen Funktionen sie besitzt.
Vielleicht ist es diejenige, die uns ermöglicht, das zu tun, was wir eigentlich tun wollten, ohne uns dauernd mit ihr beschäftigen zu müssen.
Das klingt zunächst wenig spektakulär.
Schließlich lassen sich neue Funktionen wunderbar bewerben. Man kann sie präsentieren, ankündigen, mit bunten Symbolen versehen und als großen Fortschritt verkaufen.
Dass eine Funktion uns nicht stört, eignet sich dagegen kaum als Werbebotschaft.
„Unsere Software lässt Sie weitgehend in Ruhe!“
Eigentlich wäre das ein hervorragender Slogan.
Nur würde man damit vermutlich keine besonders aufregende Produktpräsentation zustande bringen. Andererseits könnte man die Veranstaltung einfach ausfallen lassen. Das wäre immerhin konsequent.
Und vielleicht liegt genau darin ein Problem: Wir verwechseln gelegentlich das Sichtbare mit dem Wertvollen.
Dabei besteht der Wert mancher Dinge gerade darin, dass sie nicht ständig unsere Aufmerksamkeit beanspruchen.
Während ich über all das nachdachte, lagen mein Hund Ronny und meine Katze Frieda auf ihren Schlafplätzen.
Ronny hatte sich zwischen seinen Kissen zusammengerollt und seine Nase verstaut. Frieda hatte sich ebenfalls zu einer kompakten Einheit zusammengefaltet, bei der kaum noch zu erkennen war, wo die Katze anfing und wo sie aufhörte.
Beide schliefen.
Die Welt hätte in diesem Augenblick einiges unternehmen müssen, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Ich betrachtete die beiden und fragte mich, ob sie uns nicht etwas voraushaben.
Sie beschäftigen sich nicht mit Dingen, die sie gerade nicht interessieren.
Sie ärgern sich nicht über Funktionen, die sie nicht benötigen.
Sie verschwenden keine Gedanken daran, was ihnen möglicherweise entgehen könnte.
Wobei ich nicht behaupten möchte, dass die beiden grundsätzlich ignorant wären.
Man braucht nur eine Futterverpackung zu öffnen, um festzustellen, wie schnell sich ihre Prioritäten verändern können.
Dann ist plötzlich höchste Aufmerksamkeit angesagt.
Ronny beherrscht diese Kunst übrigens auch ohne Futter. Wenn meine Partnerin Tanja nach Hause kommt, ist es mit der Ignoranz schlagartig vorbei. Dann gibt es Wichtigeres als Schlafen.
Ronny und Frieda haben ihre Prioritäten jedenfalls geklärt. Und bislang hat keiner von beiden das Bedürfnis erkennen lassen, sie von einem Softwarehersteller überprüfen zu lassen.
Wir Menschen hingegen lassen uns unsere Aufmerksamkeit erstaunlich häufig von anderen einteilen.
Von Vertretern, die unser Nein nicht akzeptieren.
Von ungebetenen Besuchern, die uns ausgerechnet dann über das ewige Leben aufklären möchten, wenn wir dringend ein paar Stunden Schlaf gebrauchen könnten.
Und von Softwareherstellern, die glauben, dass jede neue Funktion auch einen Anspruch auf einen dauerhaften Platz in unserem Blickfeld besitzt.
Nun könnte man versuchen, sich gegen all diese Zumutungen zur Wehr zu setzen.
Man könnte Beschwerden schreiben, Diskussionen führen, Einstellungen durchsuchen und sich immer wieder darüber ärgern, dass etwas nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte.
Nur stellt sich irgendwann die Frage, ob man damit nicht genau das tut, was man eigentlich vermeiden wollte.
Man beschäftigt sich mit etwas, mit dem man sich gar nicht beschäftigen möchte.
Ich werde WhatsApp jedenfalls vorerst weiterbenutzen. Die Anwendung erfüllt schließlich nach wie vor ihren Zweck.
Und der unerwünschte Knopf?
Den werde ich ignorieren.
Ich sehe dich nicht.
NEIN, ich sehe dich nicht.
Nein, ich sehe DICH wirklich nicht.
Verdammt, jetzt bin ich schon wieder draufgekommen. Super, ein unnützes Fenster öffnet sich. Na klasse!
Vielleicht sollte ich mir einfach ein Beispiel an Ronny und Frieda nehmen.
Die haben schließlich längst verstanden, dass man nicht auf alles reagieren muss, was sich bemerkbar macht.
Allerdings haben sie dabei einen entscheidenden Vorteil.
Sie können die Augen schließen.
Ich muss auf meinem Handy gelegentlich noch etwas lesen.

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