THORSTEN LUX

Bücher, Essays und Gedanken über Literatur, Menschlichkeit und Veränderung. Geschichten, Analysen und Reflexionen über Gesellschaft, die Kunst, den eigenen Weg zu finden, und die Frage, wie wir werden, was in uns angelegt ist.

Wer hat eigentlich Zeit? (Seneca)

Gedanken zu Senecas „Von der Kürze des Lebens“
„Hast du mal eine Minute?“

„Ich habe sechzig davon. Jede Stunde.“
Die Antwort wirkt zunächst wie ein Wortspiel. Vielleicht ist sie aber auch eine der treffendsten Antworten auf eine der häufigsten Klagen unserer Zeit:
„Ich habe keine Zeit.“
Diesen Satz hört man überall. Menschen sagen ihn auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen, beim Blick auf den Kalender oder zwischen zwei Terminen. Sie sagen ihn oft mit einer Überzeugung, als hätten unbekannte Täter ihre Zeit gestohlen.
Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca hätte daran vermutlich seine Freude gehabt.
Nicht weil er besonders humorvoll war. Sondern weil er bereits vor fast zweitausend Jahren feststellte:
Nicht wenig Zeit haben wir, sondern viel Zeit verlieren wir.
Das klingt zunächst provokant. Schließlich fühlt sich Zeitmangel sehr real an. Rechnungen wollen bezahlt, Kinder versorgt, Formulare ausgefüllt und Verpflichtungen erfüllt werden.
Und dennoch bleibt Senecas Beobachtung bemerkenswert.
Die meisten Menschen behaupten, Zeit sei ihr kostbarstes Gut. Gleichzeitig gehen sie mit ihr um, als läge sie unbegrenzt im Lager.
Geld wird gezählt.
Besitz wird versichert.
Passwörter werden geschützt.
Doch die Stunden des eigenen Lebens werden oft mit einer Sorglosigkeit verschenkt, die bei jeder anderen Ressource als Wahnsinn gelten würde.
Manche Menschen verbringen Jahre damit, sich über Dinge aufzuregen, die sie nicht ändern können. Andere investieren ihre Aufmerksamkeit in jeden neuen Aufreger, jede Schlagzeile und jede Nebensächlichkeit, die zufällig ihren Weg kreuzt.
Für das eigene Leben bleibt dann erstaunlich wenig übrig.
Natürlich gibt es echte Belastungen. Seneca war kein Träumer. Er wusste, dass Menschen arbeiten müssen. Er wusste, dass Verantwortung Zeit kostet.
Seine Kritik richtet sich gegen etwas anderes:
gegen die Geschäftigkeit um ihrer selbst willen.
Man kann den ganzen Tag beschäftigt sein und dennoch nichts Wesentliches tun.
Wer jemals stundenlang mit Bürokratie, Warteschleifen oder organisatorischem Unsinn beschäftigt war, kennt dieses Gefühl. Man war aktiv. Man war fleißig. Man war ausgelastet.
Und dennoch fragt man sich am Abend, ob man gelebt oder lediglich funktioniert hat.
Seneca unterscheidet deshalb zwischen Existieren und Leben.
Existieren bedeutet, dass Zeit vergeht.
Leben bedeutet, dass man bewusst entscheidet, wofür sie vergehen soll.
Viele Menschen verschieben diese Entscheidung jedoch auf später.
Sie wollen glücklich sein, wenn die Ausbildung beendet ist.
Wenn die Kinder größer sind.
Wenn die Karriere geschafft ist.
Wenn mehr Geld da ist.
Wenn weniger Sorgen da sind.
Wenn endlich Ruhe einkehrt.
Das Leben wird zu einer Vorbereitung auf ein Leben, das irgendwann beginnen soll.
Irgendwann.
Ein bemerkenswertes Wort.
Es ist der Ort, an dem unzählige Träume begraben liegen.
Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben in diesem Wartezimmer. Sie sitzen dort geduldig, blicken gelegentlich auf die Uhr und wundern sich irgendwann darüber, dass sie alt geworden sind.
Dabei hat das Alter sein Kommen nie verheimlicht.
Es erschien jeden Morgen im Spiegel.
Ein paar neue Falten hier.
Ein paar graue Haare dort.
Ein weiteres Jahr, das leise vorbeiging.
Nichts davon geschah überraschend.
Die Überraschung besteht meist nur darin, dass man es nicht bemerkt hat.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft Senecas.
Es geht nicht darum, dem Leben möglichst viele Jahre hinzuzufügen.
Es geht darum, den Jahren möglichst viel Leben hinzuzufügen.
Denn Lebenszeit ist keine Sparanlage. Man kann sie nicht zurücklegen. Nicht vermehren. Nicht zurückfordern.
Jeder Tag wird ausgegeben.
Ob bewusst oder unbewusst.
Ob sinnvoll oder sinnlos.
Ob für die eigenen Ziele oder die Erwartungen anderer.
Die Uhr stellt keine Fragen. Sie läuft einfach weiter.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir genug Zeit haben.
Die entscheidende Frage lautet, was wir mit der Zeit anfangen, die uns bereits gehört.
Oder, um Seneca etwas zugespitzter zu formulieren:
Vielleicht haben die meisten Menschen kein Problem mit zu wenig Zeit.
Vielleicht haben sie lediglich zu viele Ausreden dafür, warum sie ihr Leben auf morgen verschieben.
Und morgen ist bekanntlich ein äußerst geschäftiger Tag.
Dort findet fast alles statt.
Außer dem Leben selbst.

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