Gedanken zu James Joyces „Ulysses“
Es gibt Bücher, die man liest.
Und es gibt Bücher, die man überlebt.
James Joyces „Ulysses“ gehört für viele Leser zur zweiten Kategorie.
Wer das Buch zum ersten Mal aufschlägt, erwartet unwillkürlich eine Geschichte. Das ist schließlich die Aufgabe eines Romans. Irgendjemand hat ein Problem. Irgendetwas geschieht. Menschen kämpfen, lieben, scheitern oder verändern die Welt.
Bei Joyce geschieht etwas Merkwürdiges.
Ein Mann steht auf.
Er frühstückt.
Er geht durch Dublin.
Er denkt nach.
Er begegnet Menschen.
Er geht wieder nach Hause.
Und plötzlich liegt da ein Werk von über siebenhundert Seiten vor dem Leser, das als eines der bedeutendsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts gilt.
Die naheliegende Frage lautet deshalb:
Warum?
Warum lesen Menschen freiwillig ein Buch, in dem scheinbar so wenig passiert?
Vielleicht weil Joyce etwas anderes interessiert als Handlung.
Die meisten Geschichten handeln von außergewöhnlichen Menschen in außergewöhnlichen Situationen. Helden ziehen in den Kampf. Prinzessinnen werden gerettet. Königreiche geraten in Gefahr. Selbst moderne Romane folgen oft demselben Muster. Die Welt gerät aus den Fugen und jemand muss etwas dagegen unternehmen.
Joyce interessiert sich dagegen für einen gewöhnlichen Menschen an einem gewöhnlichen Tag.
Leopold Bloom ist kein Held. Er ist weder König noch Feldherr noch Revolutionär. Er verkauft Anzeigen.
In einem Märchen würde er vermutlich nicht einmal als Nebenfigur auftreten.
Gerade darin liegt die Provokation des Romans.
Joyce nimmt die Struktur der antiken Odyssee, eines der größten Heldenepen der Weltliteratur, und besetzt die Hauptrolle mit einem Mann, der durch Dublin spaziert.
Aus Odysseus wird Bloom.
Aus der Irrfahrt über die Meere wird ein Gang durch die Straßen einer Stadt.
Aus dem Kampf gegen Monster wird die Begegnung mit den Sorgen, Erinnerungen, Hoffnungen und Gedanken eines gewöhnlichen Menschen.
Das wirkt zunächst enttäuschend.
Viele Leser warten auf die Handlung.
Sie warten darauf, dass endlich etwas geschieht.
Doch genau darin könnte das Missverständnis liegen.
„Ulysses“ ist kein Abenteuerroman.
Das Abenteuer findet im Kopf statt.
Joyce versucht etwas, das vor ihm kaum jemand versucht hat.
Er will nicht nur zeigen, was ein Mensch tut.
Er will zeigen, wie ein Mensch denkt.
Und menschliches Denken folgt selten einer geraden Linie.
Wir sitzen bei der Arbeit und denken plötzlich an ein Gespräch von vor zehn Jahren.
Wir gehen einkaufen und erinnern uns an einen Menschen, den wir lange nicht gesehen haben.
Wir hören ein Lied und stehen gedanklich für einen Augenblick wieder in einer anderen Zeit unseres Lebens.
Gedanken springen.
Erinnerungen tauchen auf.
Assoziationen verschwinden wieder.
Das Bewusstsein wandert ständig.
Genau das macht Joyce sichtbar.
Der Leser begleitet nicht nur Bloom durch Dublin.
Er begleitet ihn durch sein eigenes Denken.
Vielleicht erklärt das auch, warum manche Leser von dem Buch begeistert sind und andere daran verzweifeln.
Die einen suchen eine Geschichte.
Die anderen entdecken etwas, das ihnen überraschend vertraut vorkommt.
Nicht die Straßen Dublins.
Sondern sich selbst.
Denn je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher wird Joyces Behauptung.
Er behauptet, dass ein einziger Tag genügt.
Nicht ein Krieg.
Nicht eine Revolution.
Nicht die Gründung eines Reiches.
Ein gewöhnlicher Dienstag.
Ein Mensch.
Ein Leben.
Mehr braucht es nicht.
In einer Zeit, die ständig nach dem Spektakulären sucht, wirkt dieser Gedanke beinahe radikal.
Wir leben zwischen Schlagzeilen, Eilmeldungen und dem Eindruck, dass immer etwas Großes geschehen müsse.
Joyce blickt auf einen Mann, der durch Dublin läuft, und sagt:
Schau genauer hin.
Das reicht bereits.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Geheimnis von „Ulysses“.
Nicht die literarischen Experimente.
Nicht die Anspielungen.
Nicht die zahllosen Deutungen.
Sondern die einfache Erkenntnis, dass auch ein gewöhnlicher Mensch ein Universum mit sich herumträgt.
Und dass manchmal ein einziger Tag ausreicht, um dieses Universum sichtbar werden zu lassen.
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