Über Velociraptoren, Spritzen ins Zahnfleisch und die Schwierigkeit, den Mund aufzumachen.
Ich komme gerade vom Zahnarzt. Und ich freue mich.
Das allein wäre noch keine besonders bemerkenswerte Nachricht, wenn ich mich über eine erfolgreiche Behandlung, das Ende meiner Zahnschmerzen oder eine hübsche neue Krone freuen würde. Aber meine Freude hat einen anderen Grund: Mein nächster Zahnarzttermin ist erst in einem halben Jahr. Und es ist ein Vorsorgetermin!
Wer keine Angst vor Zahnärzten hat, wird sich fragen, was daran so außergewöhnlich sein soll. Andere Menschen gehen schließlich regelmäßig zum Zahnarzt, lassen ihre Zähne kontrollieren und anschließend vielleicht noch professionell reinigen. Manche tun das sogar freiwillig. Es soll Menschen geben, die sich regelrecht darauf freuen. Ich halte das für ein Gerücht, möchte aber niemandem seine persönlichen Vorlieben absprechen.
Ich gehöre jedenfalls nicht zu diesen Menschen.
Dabei fing alles einmal vielversprechend an. Als Kind hatte ich hervorragende Zähne. Ich putzte sie ordentlich, hatte kaum Probleme und sah keinen Grund, weshalb sich daran jemals etwas ändern sollte. Selbst meine Milchzähne erwiesen sich als erstaunlich langlebig. So langlebig, dass man einige davon ziehen musste, damit die bleibenden Zähne genügend Platz bekamen und nicht krumm und schief herauswuchsen.
Die bleibenden Zähne zeigten sich von dieser vorsorglichen Maßnahme wenig beeindruckt. Sie wuchsen trotzdem krumm und schief. Offenbar hatten sie die medizinische Empfehlung nicht gelesen.
Damit begann eine lange Geschichte, in der meine Zähne und ich zunehmend unterschiedliche Vorstellungen von einer gedeihlichen Zusammenarbeit entwickelten.
Schon als Kind gehörte der Zahnarztbesuch nicht zu meinen bevorzugten Freizeitbeschäftigungen. Im Wartezimmer bekam man gelegentlich mit, wie andere Kinder im Behandlungsraum schrien. Das war nicht unbedingt geeignet, die Vorfreude zu steigern. Zumal ich damals noch der Meinung war, dass mit meinen Zähnen eigentlich alles in Ordnung sei. Und dann erklärte mir jemand, dass man jetzt einige davon herausziehen müsse. Vorsorglich, versteht sich. Damit hinterher alles besser wird. Wie gut das funktioniert hatte, konnte ich später im Spiegel bewundern.
Mit der Zeit entwickelte ich eine heftige Zahnarztangst. Dazu gesellte sich eine Spritzenangst, die das Ganze nicht gerade vereinfachte. Denn wenn man Angst vor Schmerzen hat, bietet sich eine Betäubung an. Wenn man aber auch Angst vor Spritzen hat, steht man vor einem Problem, das sich nicht ohne Weiteres lösen lässt.
Die Behandlung könnte wehtun. Dagegen hilft eine Spritze. Die Spritze könnte ebenfalls wehtun. Dagegen hilft zunächst einmal gar nichts, außer der Hoffnung, dass es schnell vorbei sein möge. Und noch bevor irgendetwas geschehen ist, hat man bereits Angst vor der Spritze, vor der Behandlung und vorsichtshalber auch noch vor allem, was anschließend passieren könnte.
Der menschliche Organismus ist wirklich bemerkenswert. Er ist sogar in der Lage, Leiden auf Vorrat zu produzieren. Ganz ohne äußeren Anlass. Andere müssen für ihre Katastrophen wenigstens noch das Haus verlassen.
Die Evolution hat uns mit einem Alarmsystem ausgestattet, das uns vor Gefahren schützen soll. Das war sicherlich nützlich, als unsere Vorfahren noch damit rechnen mussten, hinter dem nächsten Gebüsch einem hungrigen Raubtier zu begegnen. Inzwischen leben die meisten von uns in einer Umgebung, in der solche Begegnungen eher selten geworden sind. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, wann ich zuletzt auf dem Weg zum Zahnarzt von einem Velociraptor angegriffen wurde. Zugegeben, unsere Vorfahren auch nicht. Die Tiere waren schon seit Jahrmillionen ausgestorben, bevor es Menschen gab. Aber seit Jurassic Park wissen wir immerhin, worauf wir achten müssen.
Mein Angstsystem hat diese Veränderung der Lebensumstände noch nicht vollständig zur Kenntnis genommen. Die Evolution arbeitet eben nicht mit regelmäßigen Softwareupdates. Was einmal funktioniert hat, bleibt im Programm, bis es irgendwann nicht mehr gebraucht wird. Und selbst dann läuft es vorsichtshalber weiter.
Natürlich weiß ich, dass ein Zahnarztbesuch sinnvoll ist. Ich weiß auch, dass meine Zähne nicht gesünder werden, wenn ich die Behandlung möglichst lange hinauszögere. Dieses Wissen hat mich über viele Jahre nicht davon abgehalten, genau das zu tun. Vernunft und Angst können problemlos nebeneinander existieren, solange niemand erwartet, dass sie miteinander sprechen.
Wenn Zahnschmerzen auftraten, versuchte ich zunächst, sie mit Schmerzmitteln in den Griff zu bekommen. Solange das funktionierte, bestand kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Jedenfalls nicht aus der Perspektive meiner Angst. Irgendwann waren die Schmerzen so schlimm, dass ich mich behandeln lassen musste, manchmal sogar in der Zahnklinik.
Eine ausgesprochen wirkungsvolle Methode, um aus einem möglicherweise kleinen Problem ein größeres zu machen. Man könnte es auch als konsequente Förderung des zahnmedizinischen Gewerbes betrachten.
Zwischendurch hatte ich sogar einmal mit einem Zauberspruch aus einem Handbuch für angehende Hexen meine Zahnschmerzen vertrieben. Das funktionierte erstaunlicherweise. Nur leider hatte der Zauber vergessen, die dazugehörigen Zähne zu reparieren. Offenbar war die Garantie auf Schmerzfreiheit beschränkt.
Nun wäre es zu einfach, meine Zahnarztangst ausschließlich meinem eigenen Kopf zuzuschreiben. Im Laufe der Jahre lernte ich etliche Zahnärzte kennen, von denen einige als Bildhauer eine glücklichere Berufswahl getroffen hätten. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass ein Stück Marmor sich normalerweise nicht beschwert, wenn man mit dem Meißel danebenhaut. Und wenn es doch einmal zerbricht, kann man immer noch behaupten, es sei moderne Kunst.
Vor allem begegnete ich Ärzten, bei denen ich das Gefühl hatte, dass meine Ängste sie nicht sonderlich interessierten. Man kam herein, setzte sich auf den Behandlungsstuhl, und schon wurde dies und jenes gemacht. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Betäubungsspritze gehöre dort zur Begrüßungszeremonie. Andere Menschen bekommen die Hand gereicht, ich bekam eine Nadel ins Zahnfleisch.
Dass dies nicht dazu beitrug, meine Spritzenangst abzubauen, dürfte nachvollziehbar sein. Aber womöglich hatte ich einfach übersehen, dass die Behandlung von Zähnen und die Behandlung von Menschen zwei unterschiedliche Fachgebiete sind.
Und dann geschah etwas Unerwartetes.
Nach vielen Jahren, in denen ich immer wieder nach einem Zahnarzt gesucht hatte, dem ich vertrauen konnte, eröffnete direkt gegenüber meinem Haus eine neue Zahnarztpraxis. Ich dachte mir, dass ich es einmal versuchen könnte. Viel Hoffnung hatte ich nicht. Ich hatte ausreichend Gelegenheit gehabt, die unterschiedlichsten Interpretationen zahnmedizinischer Fürsorge kennenzulernen.
Es war ein Glücksfall.
Die Zahnärztin nahm meine Ängste ernst. Sie erklärte mir, was sie vorhatte, und ließ mich mitentscheiden, wann eine Betäubungsspritze sinnvoll war. Sie versuchte nicht, mir meine Angst auszureden. Sie verlangte auch nicht, dass ich mich gefälligst zusammenreißen sollte. Ich durfte Angst haben, ohne deshalb wie ein schwieriger Patient behandelt zu werden.
Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Für mich war es keine. Ich hatte beinahe vergessen, dass man auf einem Behandlungsstuhl auch als Mensch wahrgenommen werden kann und nicht nur als vorübergehend störendes Zubehör zu einem Gebiss.
Ich erinnere mich auch an ein Schild in ihrer Praxis. Darauf stand sinngemäß: „Mein Zahnarzt sagt, ich brauche eine Krone. Endlich jemand, der mich versteht!“
Ich mochte diesen Spruch. Er war albern, natürlich. Aber er brachte mich zum Schmunzeln. Und wenn man mit Angst in einem Wartezimmer sitzt, ist ein Schmunzeln willkommen. Zumal man beim Zahnarzt ohnehin selten Anlass hat, sich königlich zu fühlen.
Leider ging diese Zahnärztin irgendwann in den Ruhestand. Eine Entscheidung, die ich aus ihrer persönlichen Perspektive nachvollziehen konnte, aus meiner eigenen jedoch außerordentlich bedauerlich fand. Nach all den Jahren hatte ich endlich jemanden gefunden, dem ich vertraute, und nun musste ich wieder von vorn anfangen. Die Rentenversicherung hatte bei ihrer Planung offensichtlich meine Zahnarztangst nicht ausreichend berücksichtigt.
Zunächst versuchte ich es bei einem Zahnarzt in der Nähe. Es ist praktisch, wenn man für einen Arztbesuch nicht erst durch halb Mittelhessen fahren muss.
Mein Misstrauen begann bereits an der Eingangstür.
Es war während der Corona-Zeit, als vielerorts über 3G, 4G und andere Schutzregelungen diskutiert wurde. An der Tür hing ein Schild, auf dem sinngemäß stand, dass statt all dieser Regelungen der gesunde Menschenverstand ausreiche.
Nun habe ich gegen gesunden Menschenverstand grundsätzlich nichts einzuwenden. Ich halte ihn sogar für eine nützliche Einrichtung. Er wird meiner Erfahrung nach allerdings besonders häufig von Menschen beschworen, die damit vor allem ihren eigenen Verstand meinen. Der hat den unschätzbaren Vorteil, dass er grundsätzlich recht behält, solange man niemanden fragt, der es besser weiß.
Ausgerechnet in einer medizinischen Einrichtung würde ich erwarten, dass man sich bei Fragen des Infektionsschutzes nicht ausschließlich auf persönliche Überzeugungen verlässt. Es käme ja auch niemand auf die Idee, eine Wurzelbehandlung durchzuführen, weil ihm sein gesunder Menschenverstand sagt, dass der Zahn schon irgendwie wieder gesund werden wird. Hoffe ich jedenfalls.
Später saß ich dort einmal im Wartezimmer, während ich auf meine Partnerin wartete. Dabei entdeckte ich Broschüren der Freien Sachsen, in denen gegen Impfungen polemisiert wurde. Die Freien Sachsen sind keine Vereinigung besorgter Mediziner, sondern eine rechtsextremistische Gruppierung. Dazu kam ein Plakat für einen alternativen Radiosender, über den ich mich anschließend im Internet informierte und den ich dem verschwörungsideologischen Milieu zuordnete.
Ich wusste: Diesem Mann wollte ich meine Gesundheit nicht anvertrauen. Gar nicht. Vertrauen ist keine Pflichtveranstaltung. Und es entsteht auch nicht dadurch, dass jemand einen weißen Kittel trägt und mir erklärt, was ich für vernünftig zu halten habe.
Zumal ich nicht zum Zahnarzt gehe, um mich über politische Weltanschauungen belehren zu lassen. Dafür gibt es das Internet, wo man sich rund um die Uhr von Menschen erklären lassen kann, weshalb sämtliche Wissenschaftler irren und ausgerechnet sie den Durchblick haben. Ganz ohne Terminvereinbarung.
Ich hatte bereits einen Termin vereinbart, suchte aber weiter. Eigentlich wusste ich gar nicht genau, weshalb ich überhaupt einen Termin vereinbart hatte. Ich hatte nicht vor, dorthin zu gehen. Das war mir längst klar.
Wieder half mir der Zufall. Ich fuhr meinen Stiefvater zu seinem Zahnarzt nach Gießen, in die Frankfurter Straße. Währenddessen kam mir der Gedanke, dort selbst einmal nach einem Termin zu fragen. Ich rief an, bekam tatsächlich einen Termin und versuchte es.
Und wieder hatte ich Glück.
Auch dieser Zahnarzt nimmt meine Ängste ernst. Auch bei ihm darf ich mitentscheiden, wann wir eine Betäubung verwenden. Ich habe inzwischen eine ganze Reihe von Behandlungen bei ihm hinter mir und festgestellt, dass ich mich dort gut aufgehoben fühle.
Der einzige wirkliche Nachteil ist die Parkplatzsituation in der Gießener Innenstadt. Offenbar ist es der Menschheit gelungen, hochentwickelte zahnmedizinische Behandlungsmethoden zu entwickeln, ohne gleichzeitig eine überzeugende Lösung für die Frage zu finden, wo man währenddessen sein Auto abstellt. Vielleicht sollte sich die Evolution dieser Aufgabe einmal annehmen. Ein zusätzlicher Arm zum Festhalten des Parkscheins wäre schon ein Anfang.
Aber damit kann ich leben.
Was mich an diesen Erfahrungen beschäftigt, geht weit über meine persönliche Zahnarztangst hinaus.
Wir sprechen häufig davon, dass Patientinnen und Patienten Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen sollen. Sie sollen Vorsorgetermine wahrnehmen, Beschwerden ernst nehmen, sich rechtzeitig behandeln lassen und nicht erst dann Hilfe suchen, wenn es kaum noch anders geht.
Das ist alles richtig.
Aber zu dieser Verantwortung gehört auch, dass Menschen Bedingungen vorfinden, unter denen sie Hilfe tatsächlich in Anspruch nehmen können. Gerade bei Ängsten spielt dabei Vertrauen eine entscheidende Rolle.
Ärztinnen und Ärzte müssen nicht jede Entscheidung ihren Patientinnen und Patienten überlassen. Dafür haben sie eine medizinische Ausbildung. Aber sie sollten erklären können, weshalb sie etwas empfehlen, Fragen beantworten und berücksichtigen, dass auf dem Behandlungsstuhl kein defektes Gerät liegt, sondern ein Mensch.
Manchmal sogar einer mit Angst.
Und vielleicht ist es gerade diese Möglichkeit zur Mitentscheidung, die Vertrauen schafft. Ich muss nicht alles selbst bestimmen können. Aber ich möchte wissen, was mit mir geschieht, und ich möchte, dass meine Ängste nicht als lästige Störung des Praxisablaufs betrachtet werden. Es ist mein Mund, in dem da gearbeitet wird. Ich halte es für eine vertretbare Forderung, dabei nicht völlig übergangen zu werden.
Meine Zahnärztin von damals und mein Zahnarzt von heute haben mir nicht die Angst genommen. Sie haben mir ermöglicht, mich trotz meiner Angst behandeln zu lassen.
Das ist ein Unterschied, den ich sehr zu schätzen weiß.
Denn natürlich habe ich auch heute noch Angst vor Zahnarztbesuchen. Mein Körper hat nicht plötzlich beschlossen, sämtliche jahrzehntelang eingeübten Alarmreaktionen einzustellen. Aber ich habe gelernt, dass ich nicht warten muss, bis die Angst verschwunden ist, bevor ich etwas für meine Gesundheit tue.
Und ich habe gelernt, dass ich mir aussuchen darf, wem ich dabei vertraue.
Deshalb freue ich mich heute. Nicht unbedingt über den nächsten Zahnarzttermin, sondern über das, was er bedeutet. Ich muss nicht mehr warten, bis die Schmerzen unerträglich werden. Ich kann hingehen, bevor überhaupt etwas wehtut.
Ich habe meine Zahnarztangst nicht besiegt. Ich habe nur aufgehört, ihr die Entscheidung darüber zu überlassen, ob ich mich behandeln lasse.
Sie darf weiterhin mitkommen. Sie darf auch protestieren. Aber sie bekommt kein Vetorecht mehr.
Und wenn beim nächsten Termin tatsächlich alles in Ordnung ist, werde ich die Praxis wieder verlassen, ohne dass jemand gebohrt, gezogen oder gespritzt hat.
Vielleicht sollte ich dann wirklich eine Krone bekommen.
Verdient hätte ich sie mir inzwischen.

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