Gedanken, Analyse und Interpretation von George Bernard Shaws Pygmalion
Der Bildhauer erschafft eine Statue.
Der Professor erschafft eine Dame.
Der Algorithmus erschafft ein Profil.
Die Werkzeuge wechseln. Die Versuchung bleibt.
Als der antike Pygmalion sich in seine eigene Statue verliebte, erzählte der Mythos von einem Künstler, der sein Ideal erschaffen hatte. Die Frau, die er liebte, war zunächst nichts weiter als ein Abbild seiner Vorstellungen: Sie widersprach nicht, stellte keine Fragen, besaß keinen eigenen Willen. Sie war vollkommen – weil sie genau das war, was ihr Schöpfer in ihr sehen wollte.
Man könnte sagen: Pygmalion liebte weniger einen Menschen als vielmehr seine eigene Vorstellung von einem Menschen.
Mehr als zwei Jahrtausende später greift George Bernard Shaw diesen Stoff auf und kehrt ihn um. Sein Professor Higgins ist ebenfalls ein Bildhauer – nur arbeitet er nicht mit Marmor, sondern mit Sprache. Aus der einfachen Blumenverkäuferin Eliza Doolittle soll eine Dame der besseren Gesellschaft werden. Higgins korrigiert ihre Aussprache, schleift ihren Dialekt ab und ersetzt ihre Herkunft durch gesellschaftlich akzeptierte Umgangsformen. Aus einem Menschen wird ein Projekt, aus einer Frau eine Wette.
Doch Shaw erlaubt seiner Statue einen verhängnisvollen Fehler: Sie beginnt zu denken. Sie entwickelt einen eigenen Willen. Sie widerspricht. Und plötzlich zeigt sich, dass ein Mensch mehr ist als das Bild, das andere von ihm entwerfen.
Darin liegt die eigentliche Kraft des Stückes. Es erzählt nicht die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufstiegs, sondern die Geschichte einer Befreiung. Eliza gewinnt nicht, weil sie lernt, wie die Oberschicht zu sprechen – sie gewinnt, weil sie erkennt, dass ihr Wert nicht von Higgins abhängt. Der Professor kann ihre Aussprache verändern, aber nicht bestimmen, wer sie ist.
Dabei ist Higgins keineswegs nur eine Figur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Nachfolger begegnen uns bis heute: Sie sitzen in Schulen, Behörden, Unternehmen und Universitäten. Sie entscheiden, wie ein Mensch sprechen, auftreten und denken sollte. Sie glauben zu wissen, was aus ihm werden muss. Oft geschieht dies sogar mit den besten Absichten – denn kaum jemand übt Macht mit dem erklärten Ziel aus, anderen zu schaden. Macht tritt gewöhnlich als Fürsorge auf, als Hilfe, als Förderung, als Erziehung. Genau deshalb ist sie so schwer zu erkennen.
Einen überraschenden Kommentar dazu liefert Bertolt Brecht. In seiner Geschichte über Herrn K. wird dieser gefragt, was er tue, wenn er einen Menschen liebe. Seine Antwort: „Ich mache einen Entwurf von ihm und sorge, daß er ihm ähnlich wird.“ Der Satz wirkt zunächst harmlos – doch in Wahrheit steckt in ihm dieselbe Problematik wie bei Pygmalion und Higgins. Der Mensch wird nicht gesehen, wie er ist, sondern wie er sein soll. Nicht der Entwurf wird dem Menschen angepasst, sondern der Mensch dem Entwurf.
Vielleicht liegt darin eine der ältesten Formen menschlicher Machtausübung überhaupt: Wir erschaffen Bilder voneinander – den guten Schüler, den vorbildlichen Arbeitnehmer, die verantwortungsvolle Mutter, den seriösen Wissenschaftler, den erfolgreichen Bürger. Und sobald ein wirklicher Mensch von diesem Bild abweicht, beginnt der Druck zur Anpassung.
Dabei spielt Sprache seit jeher eine besondere Rolle. Shaw wusste das, Higgins wusste es, und Generationen von Dialektsprechern wissen es ebenfalls. Lange Zeit galt der Dialekt nicht als kultureller Reichtum, sondern als Makel. Wer gesellschaftlich aufsteigen wollte, sollte ihn ablegen – die Sprache der Herkunft wurde zur Sprache derjenigen erklärt, die es nicht geschafft hatten. Dabei verrät ein Dialekt zunächst nur eines: woher ein Mensch kommt. Nicht, was er kann, nicht, was er weiß, nicht, was er denkt. Dennoch werden aus solchen Merkmalen bis heute Urteile abgeleitet. Manchmal genügt ein Nachname, manchmal eine Wohnadresse, manchmal eine Schulform, manchmal ein Akzent.
Die moderne Gesellschaft behauptet gern, sie beurteile Menschen nach ihren Fähigkeiten – in Wahrheit beurteilt sie häufig ihre Verpackung. Der Akzent des viktorianischen London wurde durch die Postleitzahl ersetzt; der Mechanismus blieb derselbe.
Und inzwischen haben wir einen neuen Bildhauer gefunden: den Algorithmus. Er kennt weder Marmor noch Lautlehre, sondern Daten. Er erstellt Profile, berechnet Wahrscheinlichkeiten, sortiert Menschen in Kategorien. Er entscheidet, welche Werbung wir sehen, welche Informationen uns erreichen und manchmal sogar, welche Chancen wir erhalten.
Der antike Pygmalion erschuf eine Statue, Higgins eine Dame, Herr K. einen Entwurf. Der Algorithmus erschafft digitale Schatten unserer selbst. Die Frage ist dieselbe geblieben: Wer bestimmt, wer ein Mensch sein darf?
Vielleicht besteht die eigentliche Leistung Eliza Doolittles darin, auf diese Frage eine Antwort zu geben: Nicht der Bildhauer, nicht der Professor, nicht der Entwurf, nicht einmal der Algorithmus – sondern der Mensch selbst. Eine einfache Antwort – und möglicherweise die revolutionärste von allen.
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