THORSTEN LUX

Bücher, Essays und Gedanken über Literatur, Menschlichkeit und Veränderung. Geschichten, Analysen und Reflexionen über Gesellschaft, die Kunst, den eigenen Weg zu finden, und die Frage, wie wir werden, was in uns angelegt ist.

Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen (Dutschke)

Über die erstaunliche Fähigkeit von Institutionen, ihren Zweck zu vergessen

Institutionen sind faszinierende Geschöpfe.

Man gründet sie, damit sie Menschen dienen. Einige Jahre später muss man Menschen erklären, warum sie den Institutionen dienen sollen.

Man gründet Parteien, um Interessen zu vertreten. Irgendwann vertreten die Interessen vor allem die Partei.

Man gründet Verwaltungen, um Probleme zu lösen. Wenig später entstehen neue Probleme, damit die Verwaltung etwas zu verwalten hat.

Und gelegentlich gewinnt man den Eindruck, als hätten Organisationen eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Sie vergessen ihren ursprünglichen Zweck, erinnern sich aber erstaunlich gut an ihre eigene Bedeutung.

Genau an diesem Punkt beginnt Rudi Dutschkes Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen.

Dabei geht es weniger um Lenin als um eine Frage, die vermutlich so alt ist wie jede Form organisierter Macht:

Was geschieht, wenn diejenigen, die im Namen der Menschen handeln wollen, irgendwann glauben, sie seien wichtiger als die Menschen selbst?

Dutschke betrachtet die russische Revolution nicht als Heldenepos und auch nicht als Schurkengeschichte. Er interessiert sich vielmehr für den Augenblick, in dem aus Befreiung Verwaltung wird, aus Beteiligung Organisation und aus Revolution Bürokratie.

Denn Bürokratien besitzen eine besondere Begabung. Sie entstehen, um etwas zu ermöglichen. Später verhindern sie häufig genau das mit beeindruckender Gründlichkeit.

Dutschke beschreibt diesen Prozess als ein strukturelles Problem. Parteien, Apparate und Institutionen entwickeln Eigeninteressen. Sie wollen wachsen, bestehen bleiben, Einfluss behalten. Das ist zunächst weder böse noch ungewöhnlich. Problematisch wird es erst, wenn sie beginnen, ihren eigenen Fortbestand mit dem Wohl der Gesellschaft zu verwechseln.

Dann entstehen jene merkwürdigen Situationen, in denen Menschen plötzlich hören:

„Das schadet der Partei.“

„Das schadet der Organisation.“

„Das schadet dem Staat.“

Wesentlich seltener hört man:

„Das schadet den Menschen.“

Dabei wäre das ursprünglich der entscheidende Maßstab gewesen.

Dutschkes Gesellschaftsbild wirkt deshalb erstaunlich nüchtern. Er träumt nicht von einer Gesellschaft, die durch eine allwissende Elite gelenkt wird. Er glaubt auch nicht an die magische Kraft von Funktionärsausweisen. Im Gegenteil.

Er misstraut der Vorstellung, dass eine kleine Gruppe dauerhaft besser wissen könne, was für alle anderen richtig ist.

Damit steht er in einer langen Tradition.

Man findet ähnliche Gedanken bei Rosa Luxemburg, die früh davor warnte, dass eine Partei die Klasse ersetzen könne.

Man findet sie bei Brecht, der angesichts politischer Bevormundung trocken fragte, ob es nicht einfacher wäre, das Volk aufzulösen und ein neues zu wählen.

Und man findet sie später bei Ton Steine Scherben, wenn Rio Reiser singt:

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,
hat er Stiefel im Gesicht nicht gern.
Er will unter sich keine Sklaven sehn
und über sich keine Herrn.“

Der Gedanke bleibt derselbe.

Die Frage lautet nicht, wer herrschen soll.

Die Frage lautet, warum irgendjemand glauben sollte, dauerhaft über andere herrschen zu dürfen.

Gerade deshalb spielt der Einzelne bei Dutschke eine zentrale Rolle.

Nicht als Zuschauer.

Nicht als Stimmvieh.

Nicht als Objekt politischer Betreuung.

Sondern als handelnder Mensch.

Für Dutschke entsteht Demokratie nicht dadurch, dass alle vier Jahre ein Kreuz an der richtigen Stelle gemacht wird. Demokratie entsteht dort, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, Verantwortung übernehmen und politische Prozesse aktiv gestalten.

Das klingt selbstverständlich.

Ist es aber keineswegs.

Denn die moderne Welt produziert politische Ohnmacht oft in industriellem Maßstab.

Zuständigkeiten wandern durch Ausschüsse.

Entscheidungen verschwinden in Gremien.

Verantwortung löst sich zwischen Abteilungen, Referaten und Arbeitsgruppen auf wie ein Stück Zucker im Kaffee.

Am Ende weiß niemand mehr genau, wer eigentlich entschieden hat.

Aber alle sind überzeugt, dass es alternativlos war.

Dutschke richtet sich gegen genau diese Form der Entmündigung.

Er erinnert daran, dass Demokratie kein Verwaltungsverfahren ist, sondern eine Tätigkeit.

Dass Freiheit nicht darin besteht, die richtigen Herren über sich zu haben.

Und dass Menschen sich nicht dadurch emanzipieren, dass andere ihre Emanzipation stellvertretend übernehmen.

Die kulturelle Wirkung solcher Gedanken reicht weit über politische Theorie hinaus.

Sie tauchen in Liedern auf.

In Romanen.

In Filmen.

In Gedichten.

Immer wieder kehrt dieselbe Frage zurück:

Wer dient hier eigentlich wem?

Dient die Partei den Menschen oder die Menschen der Partei?

Dient der Staat den Bürgern oder die Bürger dem Staat?

Dient die Wirtschaft den Menschen oder die Menschen der Wirtschaft?

Es sind unbequeme Fragen.

Vielleicht gerade deshalb verschwinden sie nie.

Und genau darin liegt die Aktualität von Dutschkes Buch.

Denn die Versuchung, Macht mit Weisheit zu verwechseln, ist keineswegs verschwunden.

Noch immer gibt es Menschen, die glauben, sie wüssten besser als andere, was gut für diese sei.

Noch immer entstehen Apparate, die ihre eigene Existenz für unverzichtbar halten.

Noch immer gibt es Organisationen, die sich für die Lösung halten, obwohl sie längst Teil des Problems geworden sind.

Dutschkes Antwort darauf ist überraschend einfach.

Mehr Beteiligung.

Mehr Verantwortung.

Mehr Selbstwirksamkeit.

Mehr Vertrauen in die Fähigkeit gewöhnlicher Menschen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln.

Das klingt unspektakulär.

Doch vielleicht liegt gerade darin seine Radikalität.

Denn jede Herrschaft beginnt mit dem Glauben, Menschen müssten geführt werden.

Und jede Demokratie beginnt mit dem Vertrauen, dass sie es nicht müssen.

Deshalb ist Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen letztlich kein Buch über Lenin.

Es ist ein Buch über die alte und offenbar unsterbliche Neigung von Institutionen, sich wichtiger zu nehmen als die Menschen, für die sie geschaffen wurden.

Und über die ebenso alte Hoffnung, dass Menschen sich daran erinnern könnten, wer eigentlich wem dienen sollte.

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