THORSTEN LUX

Bücher, Essays und Gedanken über Literatur, Menschlichkeit und Veränderung. Geschichten, Analysen und Reflexionen über Gesellschaft, die Kunst, den eigenen Weg zu finden, und die Frage, wie wir werden, was in uns angelegt ist.

Untertanen machen Kleider – Kleider machen Untertanen (Zuckmayer)

Gedanken, Analyse und Interpretation zu Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“

Kleider machen Leute. Das klingt zunächst harmlos, fast gemütlich, wie ein Spruch aus der Mottenkiste bürgerlicher Lebenserfahrung. Man denkt an den Sonntagsanzug, an blanke Schuhe, an den Versuch, beim Vorstellungsgespräch nicht auszusehen wie jemand, der innerlich bereits gekündigt hat. Kleidung verändert den Blick der anderen. Das weiß jeder. Wer im Blaumann kommt, wird anders behandelt als jemand im Maßanzug. Wer mit Aktentasche auftritt, wirkt zuständiger als jemand mit Plastiktüte. Der Mensch ist ein tiefsinniges Wesen, gewiss — aber ein gut sitzender Kragen kann seine Urteilskraft offenbar erheblich verkürzen.
Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ treibt diesen alten Satz ins Groteske, ins Politische, ins Bittere. Hier machen Kleider nicht nur Leute. Hier machen Kleider Macht. Ein vorbestrafter Schuster, Wilhelm Voigt, zieht eine Hauptmannsuniform an, und plötzlich gehorcht ihm eine Welt, die ihn vorher nicht einmal als vollgültigen Menschen gelten ließ. Ohne Uniform ist er ein Problemfall. Mit Uniform ist er Befehl. Ohne Papiere ist er niemand. Mit Epauletten ist er Staat. Das ist komisch, natürlich. Aber nur in jener unangenehmen Weise, in der man lacht und zugleich merkt, dass man gerade in einen Abgrund hineingekichert hat. Zuckmayers Stück wurde 1931 uraufgeführt, also in einer Zeit, in der die Weimarer Republik bereits unter Druck stand und die alten autoritären Reflexe keineswegs verschwunden waren.
Der Stoff selbst greift zurück auf eine historische Begebenheit aus dem Jahr 1906: Der echte Wilhelm Voigt verkleidete sich als preußischer Hauptmann, stellte Soldaten unter sein Kommando, besetzte das Rathaus von Köpenick, ließ den Bürgermeister verhaften und nahm die Stadtkasse mit. Eine Köpenickiade, ein Streich, eine Posse, ein Skandal — und zugleich eine glänzend polierte Ohrfeige für einen Staat, der so sehr an Uniformen glaubte, dass er vor einem Kostüm strammstand. Doch Zuckmayer schreibt kein bloßes Gaunerstück. Er schreibt eine Tragikomödie über einen Menschen, der von der Ordnung ausgeschlossen wird und diese Ordnung schließlich mit ihren eigenen Zeichen überlistet. Wilhelm Voigt ist kein klassischer Held. Er ist kein makelloser Märtyrer, kein revolutionärer Feuerkopf, kein sauber gerahmtes Vorbild für Wandzeitungen. Er ist vorbestraft, beschädigt, gewitzt, verzweifelt. Gerade deshalb funktioniert die Figur. Voigt ist kein Engel, der an der Welt scheitert. Er ist ein Mensch. Und genau das reicht dem System offenbar nicht. Voigt will nach der Haft ein normales Leben führen. Er will arbeiten, wohnen, sich anmelden, einen Pass bekommen.
Nichts davon klingt nach Staatsgefährdung, wenn man nicht gerade in einer Bürokratie lebt, die schon bei menschlicher Existenz nervös nach dem richtigen Formular sucht. Doch Voigt gerät in den berühmten Kreislauf: Ohne Papiere keine Arbeit, ohne Arbeit keine Aufenthaltsgenehmigung, ohne Aufenthaltsgenehmigung keine Papiere. Das ist kein Verwaltungsproblem mehr, das ist ein Karussell mit eingebauter Demütigung. Man darf fahren, bis einem schlecht wird, aber aussteigen ist nicht vorgesehen. In dieser Welt zählt nicht, wer ein Mensch ist, sondern ob er nachweisbar, eintragbar, genehmigungsfähig ist. Der Mensch erscheint nicht als Person, sondern als Vorgang. Als Akte. Als Zuständigkeit. Als Störung im Ablauf. Zuckmayer zeigt damit eine Gesellschaft, die sich selbst für ordentlich hält, weil sie ihre Grausamkeit alphabetisch sortiert. Niemand muss Voigt hassen. Niemand muss ihn persönlich vernichten wollen. Es reicht, dass alle korrekt handeln. Das ist ja das Elegante an bürokratischer Kälte: Am Ende ist ein Mensch zerstört, aber jeder einzelne Schreibtisch kann behaupten, er sei nur ein Möbelstück gewesen. Voigts Tragik besteht darin, dass er als Mensch nicht glaubwürdig genug ist. Seine Bitte zählt nicht. Seine Not zählt nicht. Seine Absicht zählt nicht. Seine Vergangenheit zählt zu viel, seine Gegenwart zu wenig. Die Gesellschaft sieht nicht den Menschen, der wieder anfangen will, sondern den ehemaligen Sträfling, den Verdachtsfall, das Risiko. Einmal gestempelt, immer lesbar. Die Akte ist stärker als die Wirklichkeit. Und weil Voigt keine gültige Rolle mehr bekommt, greift er schließlich zur Rolle, die in dieser Gesellschaft am zuverlässigsten funktioniert: zur Uniform. Damit beginnt der große Witz des Stücks — und seine große Anklage.
Voigt kauft sich eine Hauptmannsuniform, zieht sie an und wird verwandelt. Nicht innerlich. Nicht moralisch. Nicht rechtlich. Aber sozial. Die Welt reagiert plötzlich anders auf ihn. Dieselben Strukturen, die ihn vorher abwiesen, öffnen sich. Soldaten gehorchen. Beamte kuschen. Das Rathaus wird besetzt. Der Bürgermeister wird verhaftet. Alles läuft. Nicht weil Voigt Macht hätte, sondern weil alle anderen gelernt haben, auf die Zeichen der Macht zu reagieren. Die Uniform ist in Zuckmayers Stück keine Kleidung. Sie ist ein Zauberspruch. Sie sagt: Dieser Mensch ist zuständig. Dieser Mensch darf befehlen. Dieser Mensch muss nicht erklären. Der Körper darin ist fast nebensächlich. Hauptsache, der Stoff stimmt. Hauptsache, die Rangabzeichen sitzen. Hauptsache, der Tonfall klingt nach oben. Der Mensch verschwindet hinter der Erscheinung — und die Erscheinung reicht völlig aus.
Kleider machen Leute? Nein. Kleider machen Gehorsam. Das ist die eigentliche Pointe: Voigt täuscht nicht nur die Behörden. Er zeigt, dass sie längst bereit sind, sich täuschen zu lassen. Sein Betrug funktioniert, weil die Gesellschaft bereits betrogen ist — von ihrer eigenen Autoritätsgläubigkeit. Der falsche Hauptmann kann nur deshalb erfolgreich sein, weil die echten Untertanen bereitstehen. Man kann niemanden an der Nase herumführen, der nicht vorher gelernt hat, die Nase ehrfürchtig in Richtung Dienstgrad zu halten. Hier öffnet sich der Blick fast zwangsläufig zu Heinrich Manns „Der Untertan“. Zuckmayer zeigt den Mann, der eine Uniform anzieht, um sichtbar zu werden. Heinrich Mann zeigt den Menschen, der die Uniform innerlich trägt, auch wenn er gerade zivil herumläuft. Diederich Heßling, die zentrale Figur in „Der Untertan“, ist kein Voigt.
Er steht nicht draußen vor der Ordnung. Er wächst in sie hinein, kriecht in ihr hoch, richtet sich in ihr ein wie ein Schimmelpilz in feuchter Wand. Heßling ist der Mensch, der nach oben buckelt und nach unten tritt, bis daraus eine Weltanschauung wird. Wenn Voigt das Opfer eines Systems ist, das Menschen ohne passende Papiere ausstößt, dann ist Heßling das Erfolgsmodell eines Systems, das Charakterlosigkeit belohnt, sofern sie laut genug patriotisch auftritt. Er verehrt Macht nicht trotz ihrer Härte, sondern wegen ihr. Autorität gibt ihm Halt, Richtung und vor allem die angenehme Möglichkeit, eigene Feigheit als Pflichterfüllung auszugeben. Heßling braucht keinen eigenen Standpunkt. Er braucht einen Vorgesetzten. Und sobald er selbst über jemandem steht, braucht er Untergebene. So entsteht eine Persönlichkeit, die im Grunde nur aus Treppenhaus besteht: nach oben demütig, nach unten gefährlich.
Der falsche Hauptmann und der echte Untertan gehören deshalb zusammen. Voigt entlarvt die äußere Mechanik der Macht. Heßling verkörpert ihre innere Wirkung. Bei Zuckmayer genügt ein Kostüm, damit der Staat gehorcht. Bei Heinrich Mann sieht man, was geschieht, wenn Menschen dieses Kostüm seelisch nie wieder ausziehen. Der eine spielt Autorität und macht sie lächerlich. Der andere glaubt an Autorität und macht sich selbst lächerlich — nur leider auf eine Weise, die für andere gefährlich wird. Heßling ist so erschreckend, weil er kein Monster im klassischen Sinn ist. Er ist klein, ehrgeizig, angepasst, beleidigt, laut, kriecherisch, brutal. Eine Figur, die nicht durch Größe gefährlich wird, sondern durch Anschlussfähigkeit. Man kann ihn sich in jeder Epoche vorstellen, jeweils mit passendem Vokabular. Er muss nur wissen, wo oben ist. Dann findet er seinen Platz. Er braucht keinen Gedanken, wenn er eine Parole haben kann. Kein Gewissen, wenn es eine Zuständigkeit gibt. Keine Verantwortung, wenn irgendwo ein höherer Wille herumsteht, dem man sich unterwerfen und auf den man sich später berufen kann.
Zuckmayers Voigt dagegen hat gerade keinen Platz. Er will hinein in die Ordnung, aber die Ordnung verweigert ihm den Zugang. Das macht seine Tat so doppeldeutig. Sie ist kriminell, ja. Aber sie ist auch eine Antwort auf eine Gesellschaft, die legale Wege versperrt und sich dann über illegale Abkürzungen empört. Wer Menschen systematisch vor verschlossene Türen stellt, sollte sich nicht allzu erstaunt zeigen, wenn einer irgendwann mit einer geliehenen Autorität durchs Rathaus marschiert. Besonders dann nicht, wenn der Schlüssel zur Tür offenbar aus Uniformstoff besteht. An dieser Stelle wird Kurt Tucholsky fast unvermeidlich. Seine „Kleine Begebenheit“ gehört in denselben Resonanzraum, weil Tucholsky wie kaum ein anderer zeigen konnte, dass die große Entwürdigung oft im Kleinen beginnt. Nicht immer marschiert ein Hauptmann durchs Bild. Nicht immer steht der Kaiser im Hintergrund. Manchmal reicht eine Alltagsszene, ein Tonfall, ein Schalter, ein Mensch, der von oben herab behandelt wird, obwohl der Höhenunterschied nur aus Amtsmöbel besteht. Tucholsky sieht die Mikrogewalt der Ordnung. Die kleinen Gesten, mit denen Menschen kleingemacht werden. Die Sprache, die nicht spricht, sondern abfertigt. Den Apparat, der sich hinter Verfahren versteckt.
Das ist nicht spektakulär, aber wirksam. Der Mensch wird nicht erschlagen, sondern reduziert. Auf eine Nummer, einen Antrag, eine Unterschrift, einen Fehler. Man kann dabei sogar höflich bleiben. Gerade das macht es so widerlich. Die Barbarei muss nicht brüllen. Sie kann auch „Bitte warten“ sagen. Bei Zuckmayer wird diese alltägliche Entwürdigung zur großen Farce gesteigert. Voigt, der am Schalter nichts gilt, gilt im Hauptmannsrock plötzlich alles. Tucholsky liefert dazu die Nahaufnahme: den Moment, in dem Menschen lernen, dass sie vor einer Instanz kleiner zu sein haben. Nicht weil diese Instanz recht hätte, sondern weil sie Instanz ist. Der Schreibtisch ersetzt das Argument. Die Amtsstube ersetzt das Gewissen. Der Tonfall ersetzt die Menschlichkeit.
Und irgendwo steht ein Mensch, der eigentlich nur leben möchte, und wird behandelt, als habe er die Betriebsruhe der Welt gestört. Damit wird klar: Der Hauptmann von Köpenick ist nicht nur eine Geschichte über Militarismus. Er ist auch eine Geschichte über gesellschaftliche Wahrnehmung. Wer wird gesehen? Wer wird übersehen? Wer darf sprechen? Wem wird geglaubt? Wer muss bitten? Wer darf befehlen? Voigt ohne Uniform muss erklären, bitten, warten, scheitern. Voigt mit Uniform muss nur auftreten. Der Inhalt ist zweitrangig. Die Form entscheidet. Das ist eine erschreckend moderne Diagnose. Denn auch heutige Gesellschaften behaupten gern, sie seien aufgeklärt, während sie weiterhin erstaunlich empfänglich für Titel, Statussymbole, Logos, Anzüge, Amtsdeutsch und andere Formen dekorierter Einschüchterung bleiben. Kleider machen Leute, ja. Aber welche Leute? Und für wen?
Gottfried Kellers berühmte Novelle trägt diesen Satz als Titel und spielt ebenfalls mit sozialer Täuschung durch äußere Erscheinung. Ein armer Schneider wird für einen Grafen gehalten, weil sein Mantel besser aussieht als seine Verhältnisse. Auch dort zeigt sich: Gesellschaften sehen selten genau hin. Sie sehen, was sie erwarten wollen. Sie glauben dem Schein, wenn der Schein gut gekleidet ist. Bei Keller ist das noch stärker märchenhaft und versöhnlich gebrochen. Bei Zuckmayer wird daraus eine politische Diagnose. Der Mantel macht den Grafen, die Uniform den Hauptmann — und der Mensch darunter darf hoffen, dass niemand zu früh nachfragt. Doch Zuckmayer ist bitterer. Denn bei Voigt geht es nicht um romantische Verwechslung, sondern um existenzielle Anerkennung. Der Schneider bei Keller wird durch Kleidung höher gelesen, als er sozial steht. Voigt wird durch die Uniform überhaupt erst lesbar. Das ist der Unterschied. Er steigt nicht einfach auf. Er erscheint. Vorher war er für die Ordnung ein Störfall. Jetzt ist er Befehlsträger. Die Gesellschaft sieht ihn nicht besser, sondern falsch — aber dieses Falsche wirkt menschlicher als die vorherige Wahrheit. Das ist der Skandal.
Von hier aus führt der Weg fast zwangsläufig zu Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater“. Kleist denkt dort über Anmut, Bewusstsein und die Marionette nach, über Bewegungen, die gerade deshalb vollkommen wirken, weil sie nicht durch Selbstbewusstsein gestört werden. In Kleists ästhetischem Gedankenspiel hat die Marionette eine merkwürdige Reinheit: Sie zögert nicht, sie reflektiert nicht, sie gehorcht der Bewegung. Im Zusammenhang mit Zuckmayer kippt dieses Bild ins Politische. Denn der Obrigkeitsstaat liebt genau solche Bewegungen — nur ohne Poesie. Er will Menschen, die funktionieren.
Menschen, die nicht fragen, sondern reagieren. Menschen, die nicht urteilen, sondern folgen. Voigts Coup gelingt, weil um ihn herum lauter gesellschaftlich dressierte Marionetten stehen. Soldaten sehen Uniform und gehorchen. Beamte sehen Rang und weichen zurück. Der Bürgermeister sieht militärische Autorität und fügt sich. Niemand prüft den Faden. Alle tanzen.
Das ist die bitterste kleistische Pointe in preußischer Amtsausführung: Die Menschen bewegen sich, als wären sie frei, aber ihre Bewegungen hängen an Zeichen. Uniform. Befehlston. Rang. Dienstweg. Zuständigkeit. Man muss nur wissen, an welchem Faden man zieht. Diederich Heßling ist in diesem Sinn eine besonders gelungene Marionette, weil er seine Fäden verinnerlicht hat. Man muss ihn nicht mehr von außen lenken. Er lenkt sich selbst im Sinne der Macht. Er zuckt zuverlässig in Richtung Autorität. Er verbeugt sich, bevor jemand es verlangt. Er tritt nach unten, bevor jemand es befiehlt. Er ist der Traum jeder autoritären Ordnung: ein Mensch, der seine Unfreiheit als Haltung empfindet.
Wenn Voigt die Fäden der anderen für einen Moment nutzt, dann ist Heßling der Mann, der stolz darauf ist, an ihnen zu hängen. Die zentrale Frage des Stücks wird dadurch größer: Was bestimmt das Leben des Menschen? Bei Voigt sind es Herkunft, Vorstrafe, Aktenlage, Armut, Behörden, gesellschaftliche Vorurteile. Er hat Handlungsspielraum, aber dieser Spielraum wird enger und enger, bis seine Freiheit fast nur noch in der List besteht. Er kann nicht einfach gut sein und dafür belohnt werden. Er kann nicht einfach arbeiten wollen und Arbeit bekommen. Er kann nicht einfach existieren und anerkannt werden.
Die Ordnung verlangt Nachweise für ein Leben, das sie selbst verhindert. Bei Heßling dagegen bestimmen Macht und Anpassung das Leben. Er hat Spielräume, aber nutzt sie nicht zur Freiheit, sondern zur Unterwerfung. Das ist eine andere Form von Unfreiheit, vielleicht sogar die hässlichere, weil sie freiwillig daherkommt. Heßling könnte denken, aber er möchte lieber dazugehören. Er könnte Verantwortung übernehmen, aber er delegiert sie nach oben. Er könnte Mensch sein, aber Untertan ist bequemer. Man muss dann nicht aufrecht stehen, nur korrekt kriechen. Tucholsky zeigt, wie solche Haltungen im Alltag eingeübt werden. Kleist liefert das Bild der gelenkten Figur. Zuckmayer bringt beides auf die Bühne und lässt es in einer Uniform explodieren. Der Hauptmann von Köpenick ist deshalb nicht nur eine Satire auf Preußen, sondern eine Versuchsanordnung: Was passiert, wenn ein Mensch das richtige Zeichen trägt? Antwort: Die anderen hören auf, Menschen zu sein, und werden Funktion. Der Soldat wird Gehorsam. Der Beamte wird Vorschrift. Der Bürgermeister wird Amtswürde in Schockstarre.
Und Voigt, ausgerechnet Voigt, der Ausgestoßene, wird für einen Moment der Einzige, der das Spiel durchschaut. Das macht ihn nicht zum moralisch reinen Sieger. Aber es macht ihn zur aufschlussreichsten Figur. Voigt ist Täter und Symptom zugleich. Er betrügt, aber sein Betrug enthüllt eine größere Lüge: dass diese Ordnung vernünftig, gerecht und stabil sei. In Wahrheit ist sie so stabil wie ein Theaterstück, bei dem alle nur deshalb weiterspielen, weil sie Angst haben, den Text zu vergessen. Voigt improvisiert — und plötzlich merkt man, dass die anderen nie mehr getan haben, als ihre Rollen aufzusagen.
Welche Bedeutung hat Individualität in einer solchen Welt? Eine gefährliche. Der individuelle Mensch stört. Er passt nicht glatt in Vorschriften, Rangordnungen und Befehlswege. Voigt als Individuum ist unbequem. Voigt als Hauptmann ist verständlich. Das sagt alles. Die Gesellschaft kann mit der Rolle besser umgehen als mit dem Menschen. Sie erkennt das Kostüm schneller als das Gesicht. Sie vertraut der Uniform mehr als der Stimme. Und sie nennt das dann Ordnung.
Engagement, Widerstand, Handlungsspielraum entstehen bei Zuckmayer nicht aus heroischer Pose, sondern aus Not und Witz. Voigt kämpft nicht mit großen Reden, sondern mit einer bitteren Erkenntnis: Wenn die Welt nur Zeichen versteht, muss man ihr ein Zeichen vorsetzen. Seine Uniform ist keine bloße Verkleidung. Sie ist eine Übersetzung. Voigt übersetzt seine menschliche Forderung nach Anerkennung in die einzige Sprache, die der Staat offenbar fließend spricht: Befehl. Das ist zynisch, aber nicht von Voigt. Zynisch ist die Welt, in der dieser Umweg nötig wird. Zynisch ist eine Ordnung, die einen Menschen ohne Papiere abweist, aber einem falschen Hauptmann Soldaten zur Verfügung stellt. Zynisch ist eine Gesellschaft, die Würde nicht erkennt, wenn sie in abgetragenen Schuhen kommt, aber vor blanken Knöpfen den Rücken gerade macht.
Voigt hält dieser Welt keinen Spiegel vor. Er hält ihr eine Uniform hin. Und sie erkennt sich begeistert darin. Am Ende bleibt die Frage nach Macht und Ohnmacht. Macht erscheint bei Zuckmayer als etwas Erschreckend-Oberflächliches. Sie hängt nicht notwendig an Wahrheit, Recht oder Kompetenz. Sie hängt an Symbolen, Ritualen, Reflexen. Ohnmacht dagegen entsteht dort, wo ein Mensch keine anerkannte Form besitzt. Voigt ist ohnmächtig, solange er nur Voigt ist. Mächtig wird er, sobald er jemand darstellt, den die Ordnung respektiert. Das ist der eigentliche Witz, und er ist grausam: Der Mensch muss verschwinden, damit man ihn ernst nimmt.
Heinrich Manns Heßling zeigt, wie diese Machtverhältnisse Charaktere formen. Tucholsky zeigt, wie sie im Alltag wirken. Kleist zeigt, wie unheimlich elegant gelenkte Figuren tanzen können. Aber Zuckmayers Hauptmann bleibt der Anker, weil in ihm alles sichtbar wird: der Schein, der Gehorsam, die Entwürdigung, die Komik, die Katastrophe. Ein Mann zieht eine Uniform an, und plötzlich wird offenbar, dass eine ganze Gesellschaft weniger auf Vernunft gebaut ist als auf Kostümkunde. Darum ist „Der Hauptmann von Köpenick“ bis heute mehr als ein historischer Spaß aus der Mottenkiste des Kaiserreichs.
Das Stück fragt nicht nur, warum Preußen so lächerlich war. Das wäre zu bequem, und außerdem wäre die Antwort zu kurz. Es fragt, warum Menschen überhaupt so bereitwillig auf äußere Zeichen hereinfallen. Warum sie Rang mit Recht verwechseln, Auftreten mit Wahrheit, Amt mit Würde, Lautstärke mit Stärke. Warum sie vor Macht niederknien und sich anschließend wundern, dass der Boden nach Unterwerfung riecht. „Kleider machen Leute“ — ja. Aber Zuckmayer zeigt die dunkle Fortsetzung: Kleider machen auch Untertanen. Sie machen nicht nur den, der sie trägt, zu jemandem. Sie machen auch die anderen zu denen, die darauf reagieren. Der Hauptmannsrock verwandelt Voigt nicht allein. Er verwandelt die Umgebung. Er legt offen, wer bereits bereit war zu gehorchen. Er zeigt, dass Autorität nicht nur von oben kommt, sondern von unten mitproduziert wird. Macht braucht nicht nur Befehle. Sie braucht Menschen, die sich erleichtert ducken, sobald jemand überzeugend genug befiehlt.
Der falsche Hauptmann ist deshalb ehrlicher als die echte Ordnung. Er gibt wenigstens zu, dass hier Theater gespielt wird. Die anderen halten ihre Rollen für Naturgesetz. Voigt weiß, dass er verkleidet ist. Heßling weiß es nicht mehr. Die Beamten ahnen es nicht. Die Soldaten fragen nicht. Und genau darin liegt die eigentliche Niederlage dieser Gesellschaft: Nicht der Betrüger blamiert den Staat. Der Staat blamiert sich, weil er beweist, dass er auf Betrug besser reagiert als auf Menschlichkeit. Am Schluss steht Wilhelm Voigt nicht als Held im goldenen Licht. Dafür ist Zuckmayer zu klug. Aber er steht als Figur da, an der eine ganze Ordnung kenntlich wird. Er wollte einen Pass und bekam eine Rolle. Er wollte leben und musste spielen. Er wollte anerkannt werden und musste sich verkleiden. Das ist komisch, traurig und politisch vernichtend.
Der Hauptmann von Köpenick ist also kein harmloser Streich. Er ist ein Test. Und das Erschreckende ist nicht, dass Voigt ihn besteht. Das Erschreckende ist, dass alle anderen durchfallen. Denn am Ende marschiert nicht nur ein falscher Hauptmann durch Köpenick. Es marschiert eine Gesellschaft hinter ihm her, die beweist, dass sie den Menschen nicht erkennt, wenn er vor ihr steht — aber sofort salutiert, wenn er die richtige Jacke trägt.

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