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Maskenpflicht der Seele Oder: Warum niemand hinsieht, wenn es wirklich zählt

Gedanken zu Erich Kästners „Keiner blickt dir hinter das Gesicht“

Man stelle sich eine Gesellschaft vor, in der alle ordentlich gekleidet durch den Alltag laufen, freundlich nicken, ihre Aufgaben erledigen und einander versichern, dass alles in Ordnung sei. Währenddessen könnte hinter jedem dieser Gesichter ein Mensch stehen, der gerade verzweifelt, vor Freude beinahe platzt oder schlicht nicht mehr weiß, wie es ihm eigentlich geht.

Eine solche Gesellschaft muss man sich allerdings nicht erst vorstellen. Man kann morgens vor die Tür gehen.

Erich Kästner hat sich in seinem Gedicht „Keiner blickt dir hinter das Gesicht“ mit genau diesem Problem beschäftigt. In seiner Lyrischen Hausapotheke von 1936 finden sich zwei Fassungen: eine für die „Beherzten“ und eine für die „Kleinmütigen“. Beide folgen derselben äußeren Form, richten den Blick aber auf unterschiedliche Seiten des menschlichen Innenlebens.

Das ist mehr als eine literarische Spielerei.

In der Fassung für die Beherzten geht es um verborgenes Leid. Menschen begegnen einander, sehen Gesichter, hören Worte und wissen doch wenig darüber, was hinter der sichtbaren Oberfläche vorgeht. Wer lächelt, kann verzweifelt sein. Wer freundlich grüßt, kann sich einsam fühlen. Und wer behauptet, es gehe ihm gut, hat damit zunächst nur eine Auskunft gegeben. Ob sie zutrifft, ist eine andere Frage.

In der Fassung für die Kleinmütigen kehrt Kästner den Gedanken um. Hinter einem unscheinbaren Gesicht kann sich ebenso gut ein Reichtum verbergen, den niemand wahrnimmt. Geduld, Humor und Güte gehören dazu. Eigenschaften, die sich nicht unbedingt durch eine eindrucksvolle äußere Erscheinung bemerkbar machen und deshalb leicht übersehen werden.

Nicht nur Leid bleibt verborgen. Auch Fähigkeiten, Freude und Zuneigung können unsichtbar bleiben.

Wir sehen ein Gesicht und glauben, einen Menschen gesehen zu haben. Dabei haben wir zunächst nur sein Gesicht gesehen.

Kästner erzählt das in einer Sprache, die beinahe beiläufig wirkt. Keine schwer zugänglichen Bilder, keine kunstvoll verschlüsselten Botschaften. Stattdessen vertraute Situationen, einfache Worte und ein Ton, der gelegentlich fast freundlich klingt. Gerade dadurch entfaltet das Gedicht seine Wirkung. Was so selbstverständlich daherkommt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ziemlich unangenehme Erkenntnis.

Auch die Form trägt dazu bei. Beide Fassungen bestehen aus vier fünfzeiligen Strophen. Die äußere Ordnung bleibt bestehen, während sich hinter ihr ganz unterschiedliche menschliche Erfahrungen verbergen. In der einen Fassung drückt eine verborgene Last den Menschen nieder, in der anderen bleibt sein innerer Reichtum unerkannt. Das Gesicht verrät weder das eine noch das andere zuverlässig.

Dabei benötigt Kästner keine besonders grausame Gesellschaft, um seine Beobachtung verständlich zu machen. Die Menschen müssen einander nicht hassen. Sie müssen nicht einmal besonders rücksichtslos sein. Es genügt, wenn sie beschäftigt sind.

Die Nachbarn haben schließlich selbst zu klagen. Wer eigene Sorgen trägt, hat nicht immer die Kraft, auch noch fremde zu erkennen. Manchmal bemerkt man durchaus, dass etwas nicht stimmt, überlegt kurz, ob man nachfragen sollte, und geht dann doch weiter.

Nicht unbedingt aus Bosheit. Vielleicht aus Unsicherheit, Erschöpfung oder der Befürchtung, sich in etwas einzumischen, das einen nichts angeht. Das macht die Sache nicht besser, aber verständlicher.

Denn natürlich hat jeder Mensch ein Recht darauf, nicht ständig sein Innerstes offenlegen zu müssen. Nicht jede freundliche Begrüßung ist eine Einladung zum ausführlichen Bericht über den eigenen Seelenzustand. Und nicht jeder, der schweigt, wartet darauf, dass jemand seine Geheimnisse entschlüsselt.

Zwischen Rücksicht und Gleichgültigkeit verläuft allerdings eine Grenze, die sich nicht immer leicht erkennen lässt.

Wir wollen einander nicht bedrängen. Gleichzeitig möchten wir manchmal, dass jemand bemerkt, wenn es uns schlecht geht. Wir erwarten Verständnis, ohne unbedingt erklären zu wollen, was verstanden werden soll.

Das ist keine besonders zuverlässige Form der Verständigung. Aber eine ausgesprochen menschliche.

Hinzu kommt, dass wir früh lernen, mit unseren Gefühlen vorsichtig umzugehen. Angst soll man sich nicht anmerken lassen. Wut gehört sich nicht. Traurigkeit belastet andere. Und wer sich allzu offensichtlich freut, läuft Gefahr, für überdreht oder eingebildet gehalten zu werden.

Also lernen wir, uns zusammenzureißen.

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Nicht jedes Gefühl muss unmittelbar ausgelebt werden. Selbstbeherrschung gehört zu den Fähigkeiten, die das Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen.

Aber zwischen einem Gefühl, das wir nicht zeigen, und einem Gefühl, das wir nicht mehr wahrhaben wollen, besteht ein gewaltiger Unterschied.

Wer lange genug gelernt hat, seine Empfindungen zu unterdrücken, kann irgendwann Schwierigkeiten bekommen, sie überhaupt noch zu erkennen oder zu benennen. Dann sagen wir nicht nur anderen, dass alles in Ordnung sei. Wir sagen es uns selbst. Vielleicht so lange, bis wir gar nicht mehr genau wissen, was eigentlich nicht in Ordnung ist.

Doch nicht jeder, der seine Gefühle verbirgt, hat auch den Zugang zu ihnen verloren. Manchmal wissen wir sehr genau, was wir empfinden. Nur haben wir verlernt, es zu zeigen.

Eine solche Erfahrung reicht bei mir weit in die Kindheit zurück.

Ich habe schon früh Gewalt erlebt, weil meine Gesichtsmuskulatur unwillkürlich zuckte. Etwas, das ich nicht bewusst steuern konnte, wurde zum Anlass für Bestrafung. Also gewöhnte ich mir an, möglichst keine Regung zu zeigen. Ein unbewegtes Gesicht versprach Sicherheit. Was zunächst dem Schutz diente, wurde mit der Zeit zur Gewohnheit.

Nur fragt eine solche Gewohnheit später nicht danach, ob sie noch gebraucht wird.

Besonders schwierig wird das, wenn man seine Gefühle gar nicht verbergen möchte. Man empfindet Freude, Zuneigung oder Begeisterung, möchte sie einem anderen Menschen zeigen und merkt womöglich nicht einmal, dass das eigene Gesicht kaum etwas davon verrät.

Ich habe erst in einem Rhetorikkurs, in dem es auch um nonverbale Kommunikation ging, begriffen, wie viel Menschen einander mitteilen, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimme ergänzen das Gesagte, manchmal widersprechen sie ihm sogar. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie viel mir durch meine eigene Maske entgangen war.

Ich hatte gelernt, mein Gesicht zu beherrschen. Dass ich damit zugleich einen Teil meiner Verständigungsmöglichkeiten einschränkte, war mir lange nicht bewusst gewesen.

Ausgerechnet der Schutz, den ich mir einst angewöhnt hatte, stand mir nun im Weg, wenn ich anderen zeigen wollte, was ich empfand.

Ein unbewegtes Gesicht ist schließlich kein gefühlloses Gesicht. Ebenso wenig beweist ein Lächeln, dass es einem Menschen gut geht. Wir sind nur daran gewöhnt, solche Zeichen zu lesen, und vergessen dabei, wie unzuverlässig unsere Übersetzungen manchmal sind.

Kästners Beobachtung bekommt dadurch eine weitere Bedeutung. Hinter einem Gesicht kann nicht nur verborgenes Leid oder unerkannter Reichtum liegen. Manchmal möchte ein Mensch durchaus zeigen, was er empfindet, hat aber gelernt, gerade das möglichst nicht zu tun.

Damit wird aus der Frage, weshalb wir einander nicht durchschauen, eine zweite: Wie gut kennen wir eigentlich das, was wir selbst hinter unseren Gesichtern verbergen?

Hier kommt ein Begriff ins Spiel, der inzwischen auf Teepackungen, in Ratgeberbüchern und zwischen zwei Entspannungsübungen zu Hause ist: Achtsamkeit.

Dass ein Begriff zum Modewort geworden ist, macht den Gedanken dahinter nicht falsch. Es bedeutet nur, dass man ihn gelegentlich aus der Verpackung nehmen und genauer betrachten sollte.

Achtsamkeit beginnt bei der Bereitschaft, die eigene Wahrnehmung für unvollständig zu halten. Das gilt gegenüber anderen Menschen ebenso wie gegenüber uns selbst.

Wir müssen nicht hinter jedem freundlichen Gesicht eine Tragödie vermuten. Aber wir sollten auch nicht glauben, ein Lächeln sei bereits ein vollständiger Bericht über das Befinden seines Besitzers. Und wir müssen unsere eigenen Gefühle weder sofort rechtfertigen noch in Handlungen übersetzen, um ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Wer gelernt hat, seine Empfindungen als Schwäche zu behandeln, wird sich möglicherweise auch dann noch gegen sie wehren, wenn längst niemand mehr verlangt, dass er sie verbirgt.

Die Maske wird irgendwann so selbstverständlich, dass wir vergessen, sie zu tragen.

Doch das gilt nicht nur für das Leid, von dem Kästners erste Fassung erzählt. Auch den eigenen inneren Reichtum kann man übersehen.

Wer ständig gelernt hat, bescheiden zu sein, traut sich vielleicht nicht zu, stolz auf eine Leistung zu sein. Wer immer für andere da ist, hält seine Hilfsbereitschaft womöglich für selbstverständlich. Und wer anderen mit Geduld, Humor oder Güte begegnet, erkennt darin nicht unbedingt etwas Besonderes.

Kästners zweite Fassung erinnert daran, dass Menschen mehr besitzen können, als sie selbst oder andere ihnen zutrauen.

Das ist keine Aufforderung, sich fortan jeden Morgen vor den Spiegel zu stellen und sich zum großartigsten Menschen der Welt zu erklären. Davon gibt es bereits genügend Exemplare, die ihre Selbsteinschätzung auch ohne zusätzliche Ermutigung großzügig mit ihrer Umgebung teilen.

Es geht um etwas Schlichteres: sich selbst nicht ausschließlich nach dem zu beurteilen, was andere wahrnehmen oder anerkennen. Und anderen dieselbe Möglichkeit zuzugestehen.

Wie alltäglich dieses Problem ist, zeigt sich schon an einer Frage, die wir ständig stellen und ebenso häufig beantworten.

„Wie geht es dir?“

„Muss ja.“

Zwei Worte, die erstaunlich viel sagen können. Oder beinahe nichts.

Wir kennen solche Antworten. Wir geben sie selbst. Und häufig akzeptieren wir sie, weil wir gelernt haben, dass sie das Gespräch nicht unnötig verlängern.

Manchmal ist das genau richtig. Manchmal wäre es besser, noch einen Augenblick stehen zu bleiben.

Kästners Menschen begegnen einander in einer Welt, in der die äußere Erscheinung wenig über das Innere verrät. Daran hat sich bis heute erstaunlich wenig geändert, auch wenn wir inzwischen ganz andere Möglichkeiten besitzen, uns darzustellen.

Wir zeigen Fotos, schreiben Nachrichten und veröffentlichen kleine Ausschnitte unseres Lebens. Ein Profilbild kann Fröhlichkeit vermitteln, während sein Besitzer verzweifelt ist. Es kann aber ebenso gut einen Menschen unscheinbar erscheinen lassen, der gerade etwas Wunderbares erlebt.

Die Masken sind nicht verschwunden. Sie sind nur besser ausgeleuchtet.

Dabei wäre es zu einfach, daraus eine Anklage gegen soziale Medien oder die angebliche Oberflächlichkeit unserer Zeit zu machen. Menschen haben ihre Gefühle schon verborgen, als es noch keine Kameras in Telefonen gab. Und sie haben einander missverstanden, lange bevor jemand auf die Idee kam, dafür eine eigene Plattform zu entwickeln.

Die Technik verändert die Möglichkeiten der Darstellung. Sie beseitigt nicht die Schwierigkeiten menschlicher Verständigung.

Auch deshalb ist „Maskenpflicht“ mehr als ein Wortspiel. Manche Masken setzen wir aus Höflichkeit auf, andere aus Vorsicht. Manche gestalten wir bewusst, andere haben wir uns so früh angewöhnt, dass wir sie kaum noch bemerken. Und gelegentlich erwarten wir sogar voneinander, dass die Maske gefälligst sitzen bleibt.

Wer aus der Reihe tanzt, sich zu offen freut, weint oder Angst zeigt, muss schließlich damit rechnen, dass andere irritiert sind. Wir möchten authentische Menschen, solange sie sich dabei bitte angemessen benehmen.

Was also bleibt von Kästners Beobachtung?

Zunächst eine gewisse Bescheidenheit gegenüber dem eigenen Urteil. Wir wissen weniger über andere Menschen, als wir häufig glauben. Und manchmal wissen wir sogar über uns selbst weniger, als wir gerne annehmen.

Beide Fassungen des Gedichts führen uns an diese Grenze. In der einen bleibt verborgen, was einen Menschen bedrückt. In der anderen, was ihn reich macht. Und in beiden Fällen ist es möglich, dass selbst der Betroffene nicht vollständig erkennt, was in ihm vorgeht.

Daraus lässt sich keine Pflicht ableiten, fortan sämtliche Mitmenschen seelisch zu durchleuchten. Das wäre weder besonders achtsam noch sonderlich angenehm für diejenigen, die gerade einfach nur ihre Brötchen kaufen möchten.

Aber wir können lernen, unsere eigenen Gefühle ernster zu nehmen, ohne ihnen automatisch die Herrschaft über unser Handeln zu überlassen. Wir können anderen aufmerksamer begegnen, ohne sie auszufragen. Und wir können uns daran erinnern, dass ein Mensch nicht mit dem identisch ist, was sein Gesicht gerade zeigt.

Denn die eigentliche Schwierigkeit besteht nicht darin, dass wir einander niemals vollständig durchschauen können. Vollständige Durchschaubarkeit wäre vermutlich nicht einmal besonders wünschenswert.

Schwierig wird es dort, wo wir vergessen, dass hinter jedem Gesicht mehr liegen kann, als wir sehen. Und wo wir selbst nicht mehr wahrnehmen, was sich hinter unserem eigenen verbirgt.

Kästner hält uns keinen Spiegel vor, in dem wir endlich alles erkennen könnten. Er erinnert uns eher daran, dass auch ein Spiegel nur die Oberfläche zeigt.

Was dahinterliegt, müssen wir erst kennenlernen. Bei anderen und bei uns selbst.

Wenn du weißt, dass keiner hinter das Gesicht blickt, was machst du dann damit?

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