Gedanken, Analyse und Interpretation zu Aldous Huxleys Brave New World
Die meisten Diktaturen machen einen entscheidenden Fehler.
Sie zeigen ihre hässliche Fratze.
Uniformen. Stacheldraht. Folterkeller. Bücherverbrennungen. Lautsprecher, aus denen Parolen dröhnen. Das hat Stil – zumindest, wenn man den Begriff „Stil“ äußerst großzügig auslegt. Vor allem aber hat es einen Nachteil: Irgendwann bemerkt selbst der Letzte, dass hier vielleicht etwas nicht ganz gesund läuft.
Aldous Huxley war raffinierter.
Er fragte sich nicht, wie man Menschen unterdrückt.
Er fragte sich, wie man sie dazu bringt, ihre Ketten freiwillig zu polieren.
Und genau deshalb ist Brave New World bis heute einer der unbequemsten Romane überhaupt.
Denn Huxleys Welt ist nicht grau.
Sie ist bunt.
Sie riecht nicht nach Gefängnis.
Sie riecht nach Parfüm.
Die Menschheit besitzt eine bemerkenswerte Eigenschaft.
Sie verwechselt Komfort erstaunlich zuverlässig mit Freiheit.
Man gibt ihr genügend Unterhaltung, ausreichend Konsum, ein paar chemisch optimierte Glücksgefühle und möglichst wenig Zeit zum Nachdenken – und plötzlich stellt kaum noch jemand unangenehme Fragen.
Warum auch?
Fragen erzeugen Unsicherheit.
Unsicherheit erzeugt Stress.
Stress erzeugt schlechte Laune.
Und schlechte Laune senkt bekanntlich die Produktivität.
Die moderne Welt kennt für alles eine Lösung.
Bei Huxley heißt sie Soma.
Heute trägt sie vielleicht andere Namen.
Das Prinzip bleibt erstaunlich ähnlich.
Nicht das Problem verschwindet.
Nur das Bedürfnis, es lösen zu wollen.
Der eigentliche Skandal der schönen neuen Welt besteht nämlich nicht darin, dass Menschen versklavt werden.
Sondern darin, dass niemand mehr Freiheit vermisst.
Eine Revolution ist überflüssig geworden.
Nicht weil alle zufrieden wären.
Sondern weil Unzufriedenheit erfolgreich abgeschafft wurde.
Das ist politisch ausgesprochen effizient.
Wer keine Sehnsucht kennt, läuft auch nicht davon.
Huxley hatte einen erschreckend einfachen Gedanken.
Warum Menschen zensieren?
Man kann sie doch ebenso gut beschäftigen.
Warum Bücher verbieten?
Man kann sie auch durch genügend belanglose Unterhaltung ersetzen.
Warum kritische Geister verfolgen?
Man kann sie einfach im Strom der Dauerunterhaltung untergehen lassen.
Es gibt schließlich kaum etwas Wirkungsvolleres als eine Gesellschaft, die jede Minute beschäftigt ist und deshalb nie dazu kommt, über sich selbst nachzudenken.
Der Mensch ist erstaunlich leicht abzulenken.
Man muss ihm lediglich ständig etwas Neues hinhalten.
Im Idealfall etwas, das blinkt.
Besonders faszinierend ist, dass der Staat in Huxleys Welt seine Bürger gar nicht belügen muss.
Er erzieht sie lediglich dazu, bestimmte Fragen niemals zu stellen.
Das spart Personal.
Keine Geheimpolizei.
Keine Spitzel.
Keine Schauprozesse.
Man programmiert den Menschen einfach früh genug.
Der Rest erledigt sich beinahe von selbst.
Erziehung wird zur eleganteren Form der Zensur.
Dabei ist der Roman keineswegs technikfeindlich.
Er ist menschenfreundlich.
Und genau deshalb misstraut er jeder Gesellschaft, die Menschen ausschließlich nach ihrer Funktion bewertet.
Die Bewohner der schönen neuen Welt sind perfekt angepasst.
Sie arbeiten.
Sie konsumieren.
Sie funktionieren.
Sie lächeln.
Es fehlt eigentlich nur noch ein Aufkleber mit der Aufschrift:
„Qualitätsgeprüft nach ISO-Norm Mensch.“
Die Familie verschwindet.
Liebe verschwindet.
Treue verschwindet.
Leid verschwindet.
Eifersucht verschwindet.
Trauer verschwindet.
Man könnte meinen, das sei ein bemerkenswerter Fortschritt.
Bis einem auffällt, dass mit ihnen auch Mitgefühl verschwindet.
Wer niemals jemanden wirklich braucht, wird auch kaum lernen, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Perfekte Stabilität ist manchmal nur ein anderes Wort für emotionale Wüste.
Der vielleicht klügste Satz des Romans lautet gar nicht ausdrücklich.
Er versteckt sich zwischen den Zeilen.
Eine Gesellschaft kann den Menschen alles abnehmen.
Den Schmerz.
Die Verantwortung.
Die Unsicherheit.
Die Entscheidungen.
Die Risiken.
Die Freiheit.
Irgendwann bleibt nichts mehr übrig, was den Menschen überhaupt noch zum Menschen macht.
Außer einer ausgezeichnet funktionierenden biologischen Maschine.
John, der Wilde, wirkt zwischen all diesen perfekt funktionierenden Bürgern beinahe wie ein Verrückter.
Er will lieben.
Leiden.
Scheitern.
Zweifeln.
Er will leben.
Und plötzlich erscheint genau das als Krankheit.
Wie unverschämt.
Der Mensch wird zum Defekt, sobald er sich menschlich verhält.
Huxley formuliert damit eine Frage, die unangenehmer kaum sein könnte.
Was ist eigentlich schlimmer?
Eine Gesellschaft, in der Menschen leiden?
Oder eine Gesellschaft, in der sie gar nicht mehr merken, was ihnen fehlt?
Oft wird Huxleys Roman mit George Orwells 1984 verglichen.
Dabei sind beide Autoren weniger Gegensätze als zwei Seiten derselben Medaille.
Orwell fürchtete den Knüppel.
Huxley das Sofa.
Orwell misstraute der Folter.
Huxley der Unterhaltung.
Orwell glaubte, dass Tyrannen Bücher verbrennen würden.
Huxley vermutete, dass niemand sie mehr lesen möchte.
Man muss zugeben:
Das zweite Szenario besitzt eine unangenehme Eleganz.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Aktualität des Romans.
Nicht jede Diktatur marschiert.
Manche liefert kostenloses WLAN.
Nicht jede Tyrannei verbietet das Denken.
Manche sorgt lediglich dafür, dass niemand mehr Lust darauf hat.
Nicht jede Unfreiheit fühlt sich wie Gefangenschaft an.
Manche nennt sich Service.
Am Ende bleibt John allein.
Nicht weil die Gesellschaft ihn vernichtet.
Sondern weil sie ihn nicht mehr verstehen kann.
Seine Sehnsucht nach Wahrheit wirkt dort genauso unvernünftig wie Durst in einer Welt, in der alle ausschließlich Limonade trinken.
Und vielleicht ist genau das Huxleys bitterste Pointe.
Die größte Gefahr für die Freiheit sind womöglich nicht jene, die sie offen bekämpfen.
Sondern jene, die freundlich lächelnd erklären, Freiheit sei eigentlich viel zu anstrengend.
Man müsse sie nur endlich abschaffen.
Selbstverständlich ausschließlich zu unserem eigenen Wohl.
Wie beruhigend.
Und wie erstaunlich oft die Menschheit auf genau dieses Sonderangebot hereinfällt.
THORSTEN LUX
Bücher, Essays und Gedanken über Literatur, Menschlichkeit und Veränderung. Geschichten, Analysen und Reflexionen über Gesellschaft, die Kunst, den eigenen Weg zu finden, und die Frage, wie wir werden, was in uns angelegt ist.
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