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Dieses Gesicht ist ein Original!

Warum ich mich neuerdings vor Facebook ausweisen muss

Es gibt Tage, an denen man sich fragt, ob die Menschheit den technischen Fortschritt tatsächlich verdient hat. Und dann gibt es Tage, an denen Facebook einem erklärt, dass man möglicherweise gar nicht existiert.

Angefangen hatte alles völlig harmlos.

Ich saß im Auto und machte ein Selfie. Nichts Besonderes. Ein Mann, ein Gesicht, ein Auto. Drei Dinge, die es nachweislich gibt und deren gemeinsames Auftreten bislang keine größeren wissenschaftlichen Kontroversen ausgelöst hat.

Das Gesicht gefiel mir. Schließlich kenne ich es schon eine ganze Weile. Nur der Hintergrund war nicht besonders hübsch. Also bat ich eine künstliche Intelligenz, diesen etwas freundlicher zu gestalten.

Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Ein herbstlicher Garten, warme Farben, ein Kürbis, eine Laterne. Fast schon romantisch. Nur dass ich mich an einen entsprechenden Ausflug überhaupt nicht erinnern konnte.

Aber gut. Ich hatte ja auch nicht behauptet, dort gewesen zu sein. Ich wollte lediglich einen hübscheren Hintergrund.

Also veröffentlichte ich das Bild auf Facebook.

Und Facebook erklärte: KI!

Nun ist das technisch nicht einmal falsch. Wie sich herausstellte, hatte die künstliche Intelligenz nicht einfach meinen Hintergrund ausgetauscht, sondern vorsichtshalber auch mein Gesicht neu berechnet. Was auch immer es da zu rechnen gibt!

Ich hatte gewissermaßen einen neuen Kopf bekommen, ohne vorher gefragt worden zu sein.

Immerhin sah ich mir noch ähnlich. So ähnlich, dass ich selbst keinen Unterschied erkennen konnte. Andere Menschen bezahlen für eine Gesichtsrekonstruktion beim Schönheitschirurgen ein Vermögen. Ich hatte meine als kostenlose Zugabe zu einem herbstlichen Garten erhalten.

Die eine künstliche Intelligenz hatte mir also ungefragt ein neues Gesicht verpasst. Die andere erkannte anschließend, dass das Bild künstlich erzeugt worden war.

Das ist zweifellos ein beeindruckender technischer Fortschritt. Maschinen erzeugen mittlerweile Probleme, die andere Maschinen zuverlässig erkennen können.

Früher brauchte man für so etwas immerhin noch eine Behörde.

Dabei hätte ich gewarnt sein müssen. Schließlich hat sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine in den vergangenen Jahren auf bemerkenswerte Weise verändert.

Zunächst musste ich mittels CAPTCHA beweisen, dass ich überhaupt ein Mensch bin. Dazu sollte ich Ampeln, Fahrräder oder Zebrastreifen auf winzigen Bildern erkennen. Offenbar gehört es inzwischen zu den grundlegenden Eigenschaften menschlicher Existenz, Verkehrszeichen auch bei einer Auflösung von zwölf Pixeln zuverlässig identifizieren zu können.

Während der Corona-Lockdowns durfte ich dann mithilfe meines Personalausweises und spezieller Software nachweisen, dass ich nicht nur irgendein Mensch bin, sondern tatsächlich derjenige, für den ich mich ausgebe.

Und jetzt soll ich womöglich auch noch beweisen, dass ich tatsächlich so aussehe, wie ich aussehe.

Diese Entwicklung ist beeindruckend.

Erst muss der Mensch beweisen, dass er ein Mensch ist. Dann, welcher Mensch er ist. Und schließlich, dass dieser Mensch auch das richtige Gesicht trägt.

Früher genügte dafür ein Blick in den Spiegel. Heute würde mich nicht wundern, wenn der demnächst eine Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangt.

„Bitte wählen Sie alle Bilder aus, auf denen Sie selbst zu sehen sind.“

„Das bin ich doch auf allen!“

„Leider falsch. Bitte versuchen Sie es erneut.“

Nach dem dritten Fehlversuch wird das Gesicht aus Sicherheitsgründen für 24 Stunden gesperrt.

Dabei wäre die Lösung denkbar einfach. Ich könnte eine künstliche Intelligenz damit beauftragen, den anderen künstlichen Intelligenzen zu beweisen, dass ich ein Mensch bin.

Schließlich verstehen sich Maschinen untereinander offenbar besser als mit ihren menschlichen Auftraggebern.

Überhaupt wird es zunehmend schwieriger, den Anforderungen der digitalen Welt gerecht zu werden, ohne sich selbst in eine Maschine zu verwandeln.

Nehmen wir eine Behörde.

Die teilt mir per E-Mail mit, dass eine Nachricht für mich vorliegt. Was darin steht, verrät sie nicht. Das wäre zu einfach.

Also melde ich mich im Onlineportal an. Benutzername, Passwort. Früher hätte das genügt. Heute ist es allenfalls die Aufnahmeprüfung.

Zusätzlich benötige ich eine Authentifikator-App, die mir eine sechsstellige Zahlenfolge anzeigt. Die muss ich in ein anderes Fenster übertragen, bevor die App beschließt, dass diese Zahlenfolge inzwischen historisch überholt ist.

Gelingt das nicht rechtzeitig, beginnt das Spiel von vorne.

Immerhin weiß ich jetzt, dass ich nicht nur ein Mensch bin, sondern auch über die nötige Sehkraft, ein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis, hinreichende Fingerfertigkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit eines durchschnittlichen Börsencomputers verfügen sollte.

Alternativ könnte ich persönlich zur Behörde gehen.

„Haben Sie einen Termin?“

„Nein. Ich wollte nur wissen, weshalb Sie mir geschrieben haben.“

„Das können Sie doch online nachlesen.“

„Genau deshalb bin ich hier.“

„Dann vereinbaren Sie bitte online einen Termin.“

Spätestens an dieser Stelle dürfte auch der letzte Rest meiner Menschlichkeit einer gewissen Belastungsprobe ausgesetzt sein.

Natürlich haben solche Sicherheitsverfahren ihren Sinn. Niemand möchte, dass fremde Menschen auf persönliche Daten zugreifen können. Nur sollte der rechtmäßige Nutzer anschließend auch noch eine Chance haben, an seine eigenen Informationen zu gelangen.

Die Digitalisierung sollte den Menschen von Arbeit befreien. Stattdessen hat sie ihm eine neue Aufgabe gegeben: Er darf jetzt kostenlos die Maschine bedienen.

Und während ich mich durch digitale Identitätsprüfungen arbeite, ist die Ausgangsfrage noch immer ungeklärt: Was macht mich eigentlich zu dem Menschen, der ich bin? Mein Ausweis? Eine sechsstellige Zahlenfolge? Oder am Ende doch mein Gesicht?

Facebook hatte jedenfalls erkannt, dass künstliche Intelligenz beteiligt gewesen war. Und so stand ich vor einer Frage, die ich mir in meinem bisherigen Leben noch nie hatte stellen müssen:

Darf ich eigentlich noch so aussehen, wie ich aussehe?

Bislang hatte es damit keine größeren Schwierigkeiten gegeben.

Ich darf in den REWE. Ich darf in den EDEKA. Ich darf öffentliche Plätze betreten. Sogar ohne Voranmeldung. Und das alles mit diesem Gesicht!

Noch nie hat mich eine Kassiererin darauf hingewiesen, dass mein Aussehen gegen die Gemeinschaftsstandards verstößt. Auch die Polizei hat bislang darauf verzichtet, meine Gesichtszüge auf ihre Authentizität überprüfen zu lassen oder mir die Teilnahme am öffentlichen Leben zu untersagen.

Sollte sich tatsächlich einmal jemand über mein Aussehen beschweren, hätte ich eine einfache Antwort:

„Da kann ich nichts dafür. Beschwer dich bei meinen Eltern!“

Meine Eltern unterhalten allerdings keine Reklamationsabteilung.

Schließlich habe ich bei der Auswahl meiner genetischen Grundausstattung kein Mitspracherecht gehabt. Niemand hat mir vor meiner Geburt einen Katalog vorgelegt, in dem ich Augen, Nase, Ohren und sonstige Ausstattungsmerkmale hätte zusammenstellen können.

Nicht einmal eine Probefahrt war vorgesehen.

Das Modell wurde am 5. März 1971 ausgeliefert. Seitdem befindet es sich im Dauereinsatz.

Natürlich hat es im Laufe der Jahre einige Upgrades gegeben. Das Gesicht ist gewachsen, hat Bartwuchs entwickelt und sich mit ein paar Fältchen ausgestattet. Auch die Haarfarbe wird zunehmend durch silberne Akzente ergänzt.

Das sind keine Bildbearbeitungsfehler, sondern serienmäßige Spezialeffekte des Älterwerdens.

Andere nennen so etwas Gebrauchsspuren. Ich bevorzuge den Begriff individuelle Modellpflege.

„Dein Gesicht sieht aber alt aus!“

„Ich benutze es auch schon eine ganze Weile.“

Einige Funktionen laufen inzwischen etwas langsamer, andere haben sich erstaunlich gut gehalten. Die Software ist lernfähig, gelegentlich widerspenstig und neigt dazu, vorgegebene Antworten zu hinterfragen.

Ein vollständiger Neustart ist nicht vorgesehen.

Und jetzt kommt Facebook.

Eine Plattform, auf der Menschen seit Jahren ihre Gesichter mit Filtern bearbeiten, ihre Haut glätten, Falten entfernen, Augen vergrößern und sich digital so lange optimieren, bis sie mit ihrem eigenen Spiegelbild nur noch entfernt verwandt sind.

Dagegen habe ich nichts. Wer sich schminken, verschönern oder in eine wandelnde Comicfigur verwandeln möchte, soll das tun.

Ich persönlich möchte mein Gesicht behalten.

Nicht, weil ich es für besonders schön halte. Sondern weil es meines ist.

Es hat mich durch mein bisheriges Leben begleitet. Es hat mit mir gelacht, geweint, sich erschrocken, geärgert, gefreut und gelegentlich ziemlich dumm aus der Wäsche geschaut.

Es war bei all dem dabei.

Und nicht nur das. Es hat auch dann noch zu mir gehört, wenn ich selbst gerade nicht besonders begeistert von mir war. Wenn ich Fehler gemacht, mich blamiert oder Entscheidungen getroffen habe, bei denen ich mich hinterher fragte, welcher Idiot mich dazu überredet hatte.

Die Antwort war meistens unangenehm einfach.

Ich selbst.

Götz Widmann hat in seinem Lied „Ich liebe mich“ einen Gedanken aufgegriffen, der mir gefällt: Man ist der einzige Mensch, mit dem man sein gesamtes Leben verbringen muss. Da wäre es einigermaßen ungeschickt, ausgerechnet mit diesem Menschen dauerhaft auf Kriegsfuß zu stehen.

Das bedeutet nicht, sich selbst großartig finden zu müssen. Man darf sich auf die Nerven gehen, an sich zweifeln und gelegentlich den dringenden Wunsch verspüren, sich selbst einmal gehörig die Meinung zu sagen.

Nur sollte man sich selbst deswegen nicht gleich die Freundschaft kündigen.

Schließlich ist man der einzige Mensch, vor dem man nicht einmal durch Weglaufen seine Ruhe hat.

Und dazu gehört auch, sein Gesicht zu akzeptieren. Nicht als Meisterwerk der Schöpfung, nicht als ästhetische Zumutung, sondern als das, was es ist: das eigene.

Mit allem, was das Leben darin hinterlassen hat.

Es wäre doch einigermaßen absurd, ausgerechnet diese Spuren entfernen zu lassen, nur damit ich aussehe, als hätte ich nie gelebt.

Früher musste man sich damit abfinden, dass der Spiegel gelegentlich unangenehme Wahrheiten verkündete. Heute kann man ihn digital korrigieren. Das Problem ist nur, dass die Wirklichkeit anschließend immer noch unverschämterweise genauso aussieht wie vorher.

Wir können uns jünger machen, schöner, glatter, symmetrischer. Wir können uns an Orte versetzen, an denen wir nie gewesen sind, beispielsweise in Dagobert Ducks Geldspeicher, und uns mit Menschen fotografieren lassen, denen wir nie begegnet sind.

Wobei ich gegen einen Besuch in diesem Geldspeicher grundsätzlich nichts einzuwenden hätte. Vorausgesetzt, ich dürfte ein paar Andenken mitnehmen.

Während wir immer perfektere Bilder von uns herstellen, wird die Frage, was echt ist, zunehmend komplizierter.

Dabei ist Echtheit nicht dasselbe wie Schönheit. Und Schönheit ist schon gar kein Beweis für Echtheit.

Ein Gesicht muss nicht perfekt sein, um zu einem Menschen zu gehören. Es muss auch niemandem gefallen.

Es genügt, dass der Mensch dahinter damit leben kann.

Natürlich weiß ich, dass Facebook in meinem Fall nicht mein tatsächliches Aussehen beanstandet hat. Die Plattform hat erkannt, dass das veröffentlichte Bild künstlich erzeugte Bestandteile enthielt. Das ist sinnvoll. Schließlich sollte man wissen können, ob man ein Foto oder eine künstlich erzeugte Darstellung betrachtet.

Nur bekommt diese vernünftige Kennzeichnung eine eigentümliche Komik, wenn jemand lediglich seinen Autohintergrund loswerden wollte und dabei gleich sein Gesicht mit ausgetauscht bekommt.

Ich habe das Bild wieder gelöscht.

Nicht, weil ich mich für mein Gesicht schäme. Und auch nicht, weil ich mich von Facebook darüber belehren lassen möchte, wie ich auszusehen habe.

Sondern weil ich etwas ganz anderes wollte.

Ich wollte mein Gesicht zeigen. Nicht die Vorstellung einer Maschine davon, wie mein Gesicht aussehen könnte.

Beim nächsten Mal veröffentliche ich einfach wieder ein gewöhnliches Selfie. Mit Auto, Sicherheitsgurt, Kopfstütze und allem, was dazugehört.

Das ist weniger romantisch als ein herbstlicher Garten mit Kürbis und Laterne.

Dafür war ich tatsächlich dort.

Und falls sich irgendwann jemand findet, der meint, ich dürfe nicht so aussehen, wie ich aussehe, bleibt mir immer noch die Schönheitschirurgie.

Allerdings kostet die Geld, medizinische Eingriffe sind ohnehin nicht mein bevorzugtes Freizeitvergnügen, und außerdem sehe ich nicht ein, warum ich mich für die ästhetischen Erwartungen eines Algorithmus unters Messer legen sollte.

Da behalte ich lieber mein altes Gesicht.

Und sollte Facebook weiterhin Zweifel an meiner Echtheit haben, kann ich eine Produktbeschreibung beilegen:

THORSTEN LUX – ORIGINAL EDITION 1971

Hersteller: Mama und Papa.

Produktionsbeginn: 1971.

Modellpflege: fortlaufend.

Spezialeffekte: Bartwuchs, Fältchen, silberne Akzente.

Software: eigenwillig, lernfähig, gelegentlich widerspenstig.

Hardware: altersbedingte Gebrauchsspuren, grundsätzlich betriebsbereit.

Praxistest: REWE, EDEKA und öffentlicher Raum erfolgreich absolviert.

KI-Anteil bei Erstproduktion: 0 Prozent.

Garantie: längst abgelaufen.

Umtausch: ausgeschlossen.

Reklamationen: bitte an die Hersteller richten.

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