Wem die Zeit gehört – und inwiefern
Ich bin grundsätzlich eine Viertelstunde zu früh.
Nicht gelegentlich, nicht aus besonderer Begeisterung für Wartezimmer oder die architektonischen Besonderheiten öffentlicher Gebäude. Ich bin eine Viertelstunde zu früh, weil ich es nicht ertragen kann, zu spät zu kommen.
Das hat vermutlich mit meiner Erziehung zu tun. Pünktlichkeit galt als Tugend, Unpünktlichkeit als Unhöflichkeit und beides als Ausdruck des Charakters. Wer zu spät kam, hatte offenbar nicht nur die Uhrzeit verfehlt, sondern gleich noch eine moralische Prüfung nicht bestanden.
Meine Angststörung trägt ihren Teil dazu bei. Wer schon einmal verspätet einen Raum betreten hat und dabei das Gefühl hatte, sämtliche Anwesenden würden gleichzeitig den Kopf drehen, kennt das Problem. Man steht in der Tür, alle schauen, und ausgerechnet in diesem Moment verweigert der Fußboden seine einzig sinnvolle Aufgabe: sich aufzutun und einen gnädig verschwinden zu lassen.
Also komme ich lieber zu früh.
Dann sitze ich irgendwo herum, warte auf den vereinbarten Zeitpunkt und frage mich gelegentlich, weshalb ich eigentlich so viel Wert auf meine Lebenszeit lege, dass ich regelmäßig eine Viertelstunde davon verschenke.
Andere Menschen haben dieses Problem nicht.
Ich kenne Menschen, deren Verhältnis zur Uhr von einer erstaunlichen Unabhängigkeit geprägt ist. Sie kommen zu spät, ohne dass deshalb ihre Welt zusammenbricht. Manche schaffen es sogar, dabei ausgesprochen entspannt zu bleiben.
Einmal fuhr ich einen jungen Mann zu einem dringenden Termin. Wir waren bereits spät dran, und ich versuchte mit allen Mitteln, wenigstens noch einen Rest Pünktlichkeit zu retten. Der junge Mann betrachtete meine Bemühungen mit einer Gelassenheit, die man sonst allenfalls von Menschen kennt, die sich bereits mit der Unvermeidlichkeit des Todes abgefunden haben.
Dann erklärte er mir, er sei sein ganzes Leben noch nirgendwo pünktlich gewesen. Weshalb sollte er ausgerechnet heute damit anfangen?
Ich fand darauf keine befriedigende Antwort.
Nicht weil ich seine Unpünktlichkeit für besonders vernünftig hielt. Sondern weil seine Frage etwas berührte, das ich bis dahin kaum hinterfragt hatte: Warum erscheint mir meine eigene Vorstellung von Zeit so selbstverständlich?
Dabei habe ich Menschen kennengelernt, deren Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement nicht einfach auf Gleichgültigkeit zurückzuführen sind. ADHS kann die Wahrnehmung und Organisation von Zeit erheblich erschweren. Auch psychische Belastungen können dazu beitragen, dass selbst scheinbar einfache Abläufe schwierig werden.
Es wäre bequem, jede Verspätung als persönliche Respektlosigkeit zu betrachten.
Andererseits wird die Zeit des Wartenden dadurch nicht weniger wertvoll.
Wer mit einem Menschen zusammenlebt, dessen Verhältnis zur Pünktlichkeit erheblich entspannter ist als das eigene, lernt zwangsläufig einiges über die Zeit. Allerdings nicht unbedingt das, was er gerne lernen würde.
Ich hasse es noch immer, zu spät zu kommen. Daran ändert sich nichts, wenn Verspätungen irgendwann zum Alltag gehören. Die Blicke werden nicht angenehmer, nur weil man sie inzwischen erwartet.
Und eine Grillfeier wird auch nicht dadurch wieder an ihren Anfang zurückversetzt, dass man schließlich doch noch erscheint.
„Wartet mal, ich glaube, es ist noch was da“, ist zweifellos freundlich gemeint. Aber ich war eigentlich zu einer Grillfeier eingeladen worden, nicht zur Besichtigung ihrer kulinarischen Überreste.
Es geht dabei nicht bloß um ein paar Minuten. Manchmal verpasst man etwas, das sich nicht nachholen lässt. Das gemeinsame Essen, die Gespräche, die Atmosphäre eines Abends, der längst begonnen hat, bevor man selbst daran teilnehmen konnte.
Inzwischen habe ich mir für manche Situationen eine eigene Strategie zurechtgelegt. Wenn wir zu einem Termin müssen und die Zeit wieder einmal knapp wird, sitze ich irgendwann bereits im Auto.
Ich habe geholfen, soweit ich konnte. Ich bin bereit.
Ich könnte losfahren.
Und dann sage ich mir: Es ist nicht mein Termin. Ich habe meinen Teil erfüllt. Mehr kann ich nicht tun.
Anschließend spiele ich etwas auf meinem Handy.
Nicht weil ich plötzlich entspannt wäre. Sondern weil es nichts nützt, alle dreißig Sekunden auf die Uhr zu sehen und sich darüber zu ärgern, dass sie sich schon wieder weiterbewegt hat.
Ich kann schließlich nicht dadurch pünktlicher werden, dass ich mich stellvertretend für zwei Menschen aufrege.
Wir könnten voneinander lernen. Ich könnte entdecken, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich fünf Minuten zu spät komme. Andere könnten feststellen, dass sie auch dann nicht untergeht, wenn sie gelegentlich pünktlich erscheinen.
Bislang ist das allerdings eher ein theoretisches Konzept.
Was mich daran beschäftigt, reicht inzwischen über meine persönliche Ungeduld hinaus.
Wem gehört eigentlich die Zeit, auf deren Einhaltung wir so großen Wert legen?
Die eigene Zeit erscheint uns selbstverständlich als unser Besitz. Über sie möchten wir verfügen, sie einteilen, möglichst sinnvoll nutzen. Aber sobald wir mit anderen Menschen zusammenleben, geraten diese Ansprüche aneinander.
Wer auf jemanden wartet, stellt einen Teil seiner Lebenszeit zur Verfügung. Wer einen Termin vereinbart, beansprucht die Zeit eines anderen. Wer über Arbeitszeiten, Öffnungszeiten oder Fahrpläne entscheidet, bestimmt mit darüber, wann andere Menschen wo zu sein haben.
Nicht jede solche Vereinbarung ist eine Zumutung. Ohne gemeinsame Zeiten wäre ein gesellschaftliches Zusammenleben kaum denkbar.
Aber wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass andere Menschen und Institutionen unsere Zeit einteilen, dass wir nur selten fragen, wie viel davon tatsächlich notwendig ist.
Ich erinnere mich an eine Szene aus dem Film Black Robe – Am Fluß der Irokesen von 1991. Darin betrachten indigene Menschen eine mechanische Uhr der europäischen Neuankömmlinge. Das tickende Gerät erscheint ihnen als etwas Rätselhaftes, beinahe Übernatürliches, als eine Art Gott oder Stimme der weißen Männer.
Es handelt sich um eine Filmszene, nicht um eine ethnologische Beschreibung. Es wäre ohnehin vermessen, den zahlreichen indigenen Nationen Nordamerikas eine einheitliche Vorstellung von der Welt zuzuschreiben.
Aber der Gedanke ist reizvoll.
Es ist gar nicht so abwegig, die Uhr als eine Art Gottheit der Europäer zu betrachten.
Wir stehen auf, wenn sie es verlangt. Wir essen, wenn sie es gestattet. Wir arbeiten, solange sie es vorschreibt, und wir gehen schlafen, wenn sie uns mitteilt, dass dafür nun Zeit sei.
Wer sich widersetzt, gilt schnell als undiszipliniert.
Dabei ist die Vorstellung einer überall einheitlichen Uhrzeit noch gar nicht besonders alt.
Lange Zeit orientierten sich die Menschen an der Sonne. Mittag war, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte. Dass dieser Zeitpunkt in verschiedenen Orten unterschiedlich ausfiel, war kein grundsätzliches Problem. Man lebte mit der Ortszeit.
Dann kam die Eisenbahn.
Und plötzlich stellte sich heraus, dass eine Welt voller unterschiedlicher Ortszeiten ausgesprochen unpraktisch ist, wenn Züge nach Fahrplan verkehren sollen.
Im 19. Jahrhundert begann deshalb die Vereinheitlichung der Zeit. 1883 führten die nordamerikanischen Eisenbahngesellschaften gemeinsame Zeitzonen ein. 1884 wurde auf einer internationalen Konferenz Greenwich als Nullmeridian empfohlen. Im Deutschen Reich galt ab dem 1. April 1893 eine gesetzlich einheitliche Zeit.
Das war vernünftig. Eine zunehmend vernetzte Gesellschaft braucht gemeinsame Zeitangaben. Man stelle sich vor, jeder Bahnhof würde seine eigene Uhrzeit pflegen und die Fahrgäste müssten vor jedem Umsteigen erst einmal die Sonne konsultieren.
Nur blieb es nicht bei der praktischen Organisation des Zusammenlebens.
Die Uhr wurde zunehmend zum Maßstab für Arbeit, Leistung und gesellschaftliche Anerkennung.
Wer früh aufsteht, gilt als fleißig. Wer lange schläft, muss sich erklären. Wer pünktlich erscheint, ist zuverlässig. Wer zu spät kommt, hat Schwierigkeiten mit seiner Lebensführung.
Dabei kann ein Mensch, der um 7:45 Uhr vom Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, müde, unkonzentriert und schlecht gelaunt sein. Ein anderer, der bis 9:45 Uhr schläft, beginnt seinen Tag ausgeruht und voller Tatendrang.
Der erste gilt dennoch als vorbildlich, weil er rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz erscheint.
Der zweite muss sich anhören, dass andere Menschen um diese Uhrzeit bereits einen halben Arbeitstag hinter sich hätten.
Was nicht unbedingt bedeutet, dass sie dabei mehr geleistet haben.
Natürlich gibt es Berufe, in denen feste Zeiten unverzichtbar sind. Ein Lokführer kann schlecht beschließen, heute erst zwei Stunden später loszufahren. Auch im Krankenhaus dürfte es Schwierigkeiten geben, wenn die Frühschicht erst erscheint, nachdem sie ausgeschlafen hat.
Aber es gibt ebenso Tätigkeiten, bei denen es sinnvoller wäre, Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten zu lassen als nach der Stellung der Zeiger.
Und es gibt Menschen, die wesentlich mehr Einfluss darauf haben, wie ihre Zeit eingeteilt wird, als andere.
Wer gut verdient, kann sich unter Umständen von Aufgaben entlasten lassen, für die andere Menschen nach ihrer Erwerbsarbeit noch Stunden aufbringen müssen: Einkaufen, Putzen, Organisieren, die vielen kleinen Verrichtungen, aus denen ein Alltag besteht.
Alle haben täglich 24 Stunden.
Nur können sie nicht gleichermaßen darüber verfügen.
Auch Institutionen beanspruchen unsere Zeit. Ein Arbeitgeber erwartet pünktliches Erscheinen. Eine Behörde vergibt Termine. Eine Arztpraxis bestellt uns zu einer bestimmten Uhrzeit ein, obwohl wir womöglich erst deutlich später aufgerufen werden.
Für Verzögerungen gibt es häufig gute Gründe. Ein medizinischer Notfall richtet sich schließlich nicht nach dem Terminkalender.
Aber weshalb betrachten wir es als selbstverständlich, dass manche Menschen warten müssen, während andere warten lassen dürfen?
Dann kam Corona.
Eine Pandemie, die vielen Menschen Leid, Angst und Einsamkeit brachte. Aber sie hatte auch eine bemerkenswerte Nebenwirkung: Plötzlich wurden Abläufe infrage gestellt, die zuvor als unverzichtbar gegolten hatten.
Musste man tatsächlich jeden Morgen zu einer bestimmten Uhrzeit in einem Büro erscheinen, um dort an einem Computer zu arbeiten, an dem man genauso gut zu Hause hätte arbeiten können?
Musste man zu jeder Besprechung persönlich anreisen?
Und weshalb musste man zu einer Behörde fahren, um ein Formular abzuholen, das man anschließend zu Hause ausfüllte, nur um damit ein zweites Mal zur Behörde zu fahren?
Offenbar gehörte es lange Zeit zu den unverzichtbaren Aufgaben eines Bürgers, einem Blatt Papier zweimal die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatgemeinde vorzuführen.
Plötzlich konnte man Formulare herunterladen. Manche ließen sich sogar elektronisch einreichen. Besprechungen fanden per Video statt.
Und die öffentliche Ordnung brach nicht allein deshalb zusammen, weil ein Mensch sein Formular ausdruckte, ohne es zuvor persönlich aus einem Amtsgebäude abgeholt zu haben.
Nicht jede Veränderung war eine Verbesserung. Aber wir hatten begonnen, eine Frage zu stellen, die lange vernachlässigt worden war:
Ist das eigentlich notwendig?
Denn auch Wege sind Lebenszeit. Wenn eine Institution von mir verlangt, zweimal anzureisen, obwohl ein einziger elektronischer Vorgang denselben Zweck erfüllen könnte, verfügt sie damit über Stunden meines Lebens.
Wir haben die Zeitmessung ursprünglich erfunden, um unser Zusammenleben zu erleichtern. Irgendwann haben wir begonnen, unser Zusammenleben so zu organisieren, dass es vor allem den Anforderungen der Zeitmessung genügt.
Wie tief diese Vorstellungen sitzen, zeigte sich mir einmal, als eines meiner Kinder morgens verschlafen hatte.
Es weckte mich ziemlich aufgeregt. Der Unterricht hatte längst begonnen, und nun fürchtete es, in der Schule Ärger zu bekommen. Ob ich nicht eine Entschuldigung schreiben könne?
Ich konnte.
Ich teilte der Lehrerin mit, mein Kind habe in der vergangenen Nacht derart gut geschlafen, dass der Schlaf die ursprünglich geplante Zeit überschritten habe und deshalb ein rechtzeitiges Erscheinen im Unterricht leider nicht möglich gewesen sei. Das versäumte Unterrichtsmaterial werde selbstverständlich nachgeholt.
Mein Kind betrachtete die Entschuldigung mit einer gewissen Skepsis.
Es hatte auf eine gewöhnliche Erklärung gehofft und nicht damit gerechnet, dass sein Vater die Gelegenheit zu einer grundsätzlichen Betrachtung über den Schlaf nutzen würde.
Die Lehrerin nahm es mit Humor. Es gab keinen Ärger, lediglich eine Bemerkung über den interessanten Schreibstil des Vaters.
Dabei hatte ich nichts Unwahres geschrieben.
Das Kind hatte hervorragend geschlafen. Nur leider länger, als es der Stundenplan vorsah.
Man könnte sich durchaus fragen, weshalb ein gesunder, erholsamer Schlaf plötzlich zu einem entschuldigungsbedürftigen Ereignis wird, sobald er mit einer gesellschaftlichen Zeitvorgabe kollidiert.
Andererseits kann ich nicht ernsthaft verlangen, dass eine ganze Schulklasse ihren Unterrichtsbeginn nach den Schlafgewohnheiten meines Kindes richtet.
Genau darin liegt das Problem.
Wir müssen unsere Zeit miteinander abstimmen. Aber wir sollten dabei nicht vergessen, dass wir über die Lebenszeit von Menschen sprechen und nicht über beliebig verschiebbare Einträge in einem Kalender.
Und es macht einen erheblichen Unterschied, ob wir eine gemeinsame Zeit vereinbaren oder ob wir die eigene Zeit für so wichtig halten, dass andere sich ihr gefälligst unterzuordnen haben.
Besonders deutlich wird das im Straßenverkehr.
Dort scheint für manche Menschen jede Sekunde von geradezu existenzieller Bedeutung zu sein. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit wird auf eigentümliche Weise interpretiert: Für andere gilt sie als verbindliche Mindestgeschwindigkeit, für einen selbst dagegen als unverbindliche Empfehlung.
Wer langsamer fährt, behindert. Wer den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einhält, verschenkt Platz. Und wer gar auf die verwegene Idee kommt, vor dem Abbiegen abzubremsen, muss damit rechnen, dass der nachfolgende Verkehrsteilnehmer seinen Unmut durch Hupen, dichtes Auffahren oder ein riskantes Überholmanöver zum Ausdruck bringt.
Manchmal frage ich mich, ob manche Autofahrer tatsächlich glauben, der Mensch vor ihnen habe nur deshalb ein Fahrzeug erworben, um ihnen persönlich im Weg zu stehen.
Dabei ist die Straße kein privater Beschleunigungsstreifen zur Erfüllung individueller Terminwünsche. Sie ist ein öffentlicher Verkehrsraum, den man sich mit anderen teilen muss. Auch mit Menschen, die gelegentlich abbiegen möchten, ohne dabei ihren Auspuff auf dem Bürgersteig zurückzulassen.
Besonders merkwürdig finde ich daran, dass sich das vermeintliche Hindernis in aller Regel von selbst erledigt. Wer vor mir langsamer wird, um abzubiegen, ist wenige Augenblicke später verschwunden. Danach habe ich wieder freie Fahrt.
Ich muss nur kurz warten, bis der andere Mensch dort angekommen ist, wo er hinwollte.
Aber bereits diese kurze Unterbrechung ist für manche Autofahrer eine unerträgliche Zumutung.
Ihr Verhalten vermittelt den Eindruck, niemand dürfe sie auch nur für einen Augenblick aufhalten.
Ich habe selbst erlebt, wie gefährlich diese Haltung werden kann.
In Rödgen, einem Stadtteil von Gießen, führt eine Straße durch den Ort, die manche Autofahrer als Gelegenheit verstehen, verlorene Zeit zurückzugewinnen. Am Ortseingang steht eine fest installierte Verkehrskamera. Danach wird mitunter beschleunigt, als müsse man sich für die zuvor erzwungene Zurückhaltung entschädigen.
Ich war einmal mit meinem Motorroller unterwegs, um meine Mutter zu besuchen. Ich hatte frühzeitig den linken Blinker gesetzt und bremste ab, um in ihre Hofeinfahrt abzubiegen.
Der Autofahrer hinter mir bemerkte, dass ich langsamer wurde. Was er daraus nicht ableitete, war die Möglichkeit, dass ich tatsächlich nach links abbiegen wollte.
Stattdessen setzte er zum Überholen an.
Ausgerechnet in dem Moment, in dem ich nach links fuhr.
Es ging knapp gut.
Erst kürzlich erlebte ich an derselben Stelle nahezu das Gleiche, diesmal im Auto. Wieder blinkte ich links, wieder bremste ich ab. Schließlich kann man schlecht mit 50 Stundenkilometern über einen Bürgersteig in eine Hofeinfahrt einbiegen, ohne dabei die Fliehkräfte, den Auspuff und einige andere Bestandteile des Fahrzeugs einer gründlichen Belastungsprobe zu unterziehen.
Der Fahrer hinter mir war bereits so dicht aufgefahren, dass er meinen Kofferraum vermutlich besser kannte als ich. Als ich langsamer wurde, quittierte er das mit lautem Hupen.
Was hätte ich tun sollen? Meine Mutter bitten, die Hofeinfahrt künftig in Fahrtrichtung zu verlegen?
Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn jemand dringend zur nächsten roten Ampel gelangen möchte. Ich bestehe allerdings darauf, dass er mein Leben aus seiner persönlichen Zeitplanung heraushält.
Denn irgendwann geht es nicht mehr darum, ob jemand fünf Sekunden früher ankommt.
Es geht darum, was anderen Menschen und Lebewesen dabei zugemutet wird.
Chrissy, der Kater meiner Tochter Sophie, wurde in Rödgen überfahren.
Ich habe gesehen, was von ihm geblieben war. Und ich kenne die Raserei auf dieser Ortsdurchfahrt.
Seine Schwester Jessie, meine Katze, die den Unfall wohl beobachtet hatte, hätte ihn noch gebraucht. Nicht als Beispiel dafür, was im Straßenverkehr geschehen kann, sondern als Bruder und Spielgefährten.
Nach seinem Tod war sie nicht mehr dieselbe. Sie spielte kaum noch, lag meist nur herum. Vierzehn Tage später verschwand sie. Ich suchte nach ihr, aber sie tauchte nie wieder auf.
Bis heute weiß ich nicht, was aus ihr geworden ist.
Chrissy kam nirgendwo mehr an.
Vor vielen Jahren war ich als Kurierfahrer in Grünberg unterwegs. Ich hatte bereits mehrere Kunden beliefert und war auf dem Weg zum nächsten. Meine Arbeit bestand nicht darin, gemütlich durch Mittelhessen zu fahren und mir unterwegs die Landschaft anzusehen. Ich hatte Aufträge zu erledigen, Kunden warteten auf mich, und auch mein Arbeitstag richtete sich nach der Uhr.
Es hagelte wie verrückt.
Die Bahnhofstraße verläuft dort über eine längere Strecke geradeaus. Ich konnte deshalb schon von Weitem einen alten Mann am Straßenrand stehen sehen.
Er trug einen alten Arbeitsanzug, der völlig durchnässt war. Der Hagel prasselte auf ihn nieder.
Ich saß im warmen, trockenen Auto und hörte, wie die Hagelkörner unablässig gegen meine Windschutzscheibe hämmerten.
Der Mann wollte über die Straße.
Aber niemand ließ ihn.
Ein Auto nach dem anderen fuhr vorbei.
Am Ende der Bahnhofstraße befindet sich eine Ampel, an der die Straße auf die B49 trifft. Diese Ampel hatte eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie war rot.
Nicht gelegentlich. Nicht überraschend. Sondern mit einer Zuverlässigkeit, die man sich von mancher anderen öffentlichen Einrichtung nur wünschen könnte.
Selbst spätabends, wenn weit und breit kein Verkehr unterwegs war, musste man erst an die Ampel heranfahren, damit sie überhaupt auf Grün schaltete. Tagsüber wartete man dort ohnehin in einer Autoschlange.
Es bestand also keinerlei Aussicht, durch besonders entschlossenes Weiterfahren auch nur eine einzige Sekunde früher ans Ziel zu gelangen.
Allenfalls hätte man einige Sekunden länger vor der roten Ampel gestanden.
Aber selbst das schien wichtiger, als einen alten Mann aus dem Hagel zu lassen.
Ich hielt an.
Der Mann überquerte die Straße und freute sich ungemein. So sehr, dass ich mich noch heute daran erinnere.
Anschließend fuhr ich weiter und reihte mich in die Warteschlange ein.
Die Ampel war rot.
Wie immer.
Mein Zeitverlust betrug exakt null Sekunden.
Und ich bezweifle, dass der kurze Druck auf das Bremspedal einen nennenswerten Verschleiß verursacht hat.
Was mich bis heute beschäftigt, ist nicht, dass ich angehalten habe. Es war schließlich keine Heldentat.
Was mich beschäftigt, ist, dass so viele andere nicht auf die Idee gekommen waren.
Da stand ein alter Mann, völlig durchnässt, mitten im Hagel. Und Menschen, die warm und trocken in ihren Autos saßen, fuhren an ihm vorbei, um möglichst schnell zu einer roten Ampel zu gelangen.
Ich frage mich, was sie dort so dringend wollten.
Hofften sie auf ein Wunder?
Würde die Ampel ausgerechnet heute einmal grün sein, ohne dass man zuvor auf sie warten musste? Würde sich die Verkehrsordnung spontan entschließen, einem besonders eiligen Autofahrer eine persönliche Ausnahmegenehmigung zu erteilen?
Ich habe dieses Wunder an jener Ampel nie erlebt.
Und an diesem Tag blieb es ebenfalls aus.
Der alte Mann dagegen kam endlich über die Straße.
Bertolt Brecht hat 1953 ein kurzes Gedicht geschrieben, das den Titel Der Radwechsel trägt.
Darin sitzt ein Mensch am Straßenrand, während der Fahrer das Rad wechselt. Er möchte weder dort sein, woher er kommt, noch dort, wohin er fährt. Und trotzdem betrachtet er die Verzögerung mit Ungeduld.
Ich erkenne mich in diesem Widerspruch wieder.
Man sitzt morgens im Auto, unterwegs zu einer Arbeit, auf die man heute keine besondere Lust hat. Man fährt von einem Kunden zum nächsten und weiß bereits, dass einen dort auch nichts Erfreuliches erwartet. Oder man ist einfach auf dem Weg zu irgendeiner Verpflichtung, die man lieber vermeiden würde.
Und trotzdem wird man ungeduldig, sobald es nicht weitergeht.
Man möchte gar nicht unbedingt ankommen.
Man möchte nur nicht aufgehalten werden.
Das ist eine seltsame Art, mit seiner Lebenszeit umzugehen.
Wir betrachten sie als kostbar und verbringen viel davon damit, uns darüber zu ärgern, dass andere Menschen ebenfalls welche besitzen.
Der eine kommt zu spät und lässt uns warten. Der andere verlangt, dass wir unsere Fahrt beschleunigen, damit er nicht warten muss. Und wieder andere bestimmen durch Arbeitsabläufe, Termine oder Vorschriften darüber, wann wir wo zu sein haben.
Das sind unterschiedliche Situationen. Nicht jeder, der eine Verabredung verpasst, handelt aus Rücksichtslosigkeit. Ebenso wenig ist jede Wartezeit überflüssig.
Aber allen gemeinsam ist die Frage, wie wir mit einer Lebenszeit umgehen, die nicht unsere eigene ist.
Ich werde vermutlich auch künftig eine Viertelstunde zu früh zu meinen Terminen erscheinen. Die Vorstellung, verspätet einen Raum zu betreten und von allen Anwesenden angestarrt zu werden, ist mir noch immer unangenehm.
Andere Menschen werden weiterhin zu spät kommen.
Und irgendwo wird wieder jemand versuchen, möglichst schnell an einer roten Ampel anzukommen.
Die Uhr wird davon unbeeindruckt bleiben.
Sie kann schließlich nur anzeigen, wie spät es ist.
Sie weiß nicht, ob wir unsere Zeit gut nutzen. Und sie kann uns nicht sagen, welchen Wert die Zeit eines anderen Menschen hat.
Wenn ich heute an jene Fahrt durch Grünberg zurückdenke, erinnere ich mich nicht daran, wie lange ich anschließend an der Ampel warten musste.
Ich erinnere mich an einen alten Mann in einem durchnässten Arbeitsanzug.
Und daran, wie sehr er sich gefreut hat, endlich aus dem Hagel herauszukommen.

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