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Das Institut für angewandte Trotzologie

Vom Scheitern, Wachsenlassen und Wiederanfangen

Eigentlich habe ich gar keinen Garten.

Das ist eine etwas ungünstige Voraussetzung, wenn man gärtnern möchte. Andererseits habe ich mich noch nie besonders dafür interessiert, ob die Voraussetzungen für eine Sache optimal sind, bevor ich damit anfange.

Was ich nutze, ist ein Hof. Ungefähr 50 Quadratmeter, auf denen man allerlei unterbringen kann, sofern man bereit ist, seine Vorstellungen von einem ordentlichen Garten gelegentlich den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen. Dort stehen Pflanzkübel, Töpfe, ein Foliengewächshaus und allerlei andere Behältnisse, in denen etwas wächst. Manche davon sind sogar auf Rollbrettern montiert, damit ich sie bei Bedarf verschieben kann. Dazu kommt ein Stück Grün, das sich dem Rasenmäher nicht immer vollständig unterwerfen muss.

Andere Leute haben Hochbeete. Ich betreibe Gartenbau ohne nennenswerte landwirtschaftliche Nutzfläche. Oder, wissenschaftlicher ausgedrückt, eine Außenstelle des Instituts für angewandte Trotzologie.

Das hindert mich nicht daran, jedes Frühjahr aufs Neue große Hoffnungen zu entwickeln.

Auch 2026 wurden Pflanzen vorgezogen, Samen in die Erde gebracht, Töpfe gefüllt und Kübel vorbereitet. Tomaten, Physalis, Knoblauch, Erdbeeren, Stachelbeeren, Blaubeeren, eine Tayberry und allerlei Kräuter sollten aus dem Hof eine kleine grüne Oase machen. Keine landwirtschaftliche Großproduktion, kein Versuch, den regionalen Gemüsehandel in den Ruin zu treiben. Einfach ein bisschen ernten, ein bisschen beobachten und sich daran freuen, dass etwas wächst.

Dabei hatte ich mir für dieses Jahr etwas Neues vorgenommen. Statt die Pflanzkübel einfach vollständig mit Erde zu füllen, brachte ich zunächst Pflanzenreste vom Vorjahr, Rasenschnitt und Laub ein. Darüber kam die Pflanzerde. Die Idee war, das vorhandene organische Material zu nutzen, das sich im Laufe der Zeit zersetzt, Nährstoffe freisetzt und dabei auch Wärme entwickeln kann. Gerade während der kühleren Anfangszeit schien mir das eine sinnvolle Unterstützung.

Die ersten Ergebnisse waren beeindruckend. Besonders die Tomaten entwickelten sich zu regelrechten Bäumen. Aus den kleinen Pflänzchen wurden kräftige Gewächse, die ihre Behälter offenbar nur noch als unverbindliche Standortempfehlung betrachteten.

Ob die Schichtung tatsächlich für das kräftige Wachstum verantwortlich war, kann ich nicht beurteilen. Aber möglicherweise half sie den Pflanzen auch dabei, die spätere Hitzeperiode zu überstehen. Zusätzliche Wärme aus dem Inneren der Kübel dürften sie während dieser Wochen allerdings kaum vermisst haben. Davon lieferte der Sommer bereits mehr als genug.

Neben den Nutzpflanzen gab es Lavendel, Zauberglöckchen, blaue Gänseblümchen, Ringelblumen und andere Blühpflanzen, die nicht unbedingt dazu bestimmt waren, auf meinem Teller zu landen. Schließlich gibt es außer mir noch andere Lebewesen, die etwas von diesem Stück Grün haben sollen. Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und allerlei sonstiges Getier, dessen Namen ich nicht immer kenne und dessen Anwesenheit mich dennoch freut.

An den Wänden hängen Insektenhotels, weil es mir sinnvoll erscheint, den kleinen Besuchern nicht nur Nahrung, sondern auch Unterkunft anzubieten. Ein Hotel ohne Restaurant wäre schließlich ebenso unbefriedigend wie ein Restaurant ohne Gäste. Und da ich weder Kurtaxe verlange noch eine Meldepflicht eingeführt habe, hält sich der Verwaltungsaufwand erfreulich in Grenzen.

Der Frühling machte zunächst Hoffnung. Die Stachelbeere hing voller Früchte, die Erdbeeren entwickelten sich, und die Tomaten eroberten ihre Töpfe. Es wurde pikiert, umgetopft und nach den Eisheiligen auf den endgültigen Umzug vorbereitet. Zuvor musste man noch darauf achten, dass die jungen Pflanzen nachts nicht erfroren. Wenige Wochen später sollte sich herausstellen, dass diese Sorge eine geradezu groteske Ironie besaß.

Denn dann kam der Sommer.

Oder genauer: etwas, das sich als Sommer ausgab, tatsächlich aber ein groß angelegter Feldversuch zur Belastbarkeit biologischer Organismen war.

Die Temperaturen stiegen auf über 40 Grad. Nicht etwa irgendwo in der Sahara, wo man sich auf solche Verhältnisse wenigstens einstellen kann, sondern hier in Hessen. Und natürlich handelt es sich bei solchen Temperaturangaben um Werte, die unter standardisierten Bedingungen im Schatten gemessen werden. Das ist meteorologisch sinnvoll, hilft aber wenig, wenn man ein Gewächshaus besitzt.

Man versuche einmal, in einem Foliengewächshaus Schatten zu finden.

Dort herrschten Temperaturen, bei denen man vermutlich ein Ei hätte garen können, ohne sich die Mühe machen zu müssen, einen Herd einzuschalten. Die Tomaten standen mittendrin. Eigentlich sollten sie dort wachsen und Früchte bilden. Stattdessen wurden sie einer thermischen Behandlung unterzogen, die üblicherweise erst nach der Ernte vorgesehen ist.

Auch außerhalb des Gewächshauses war die Lage nicht wesentlich angenehmer. Frieda, meine Katze, fand die Hitze unerträglich, Ronny, mein Hund, ebenfalls. Und ich hätte mich ihnen gerne angeschlossen, wenn es irgendwo einen Ort gegeben hätte, an dem man sich vernünftig hätte abkühlen können.

Das bekamen auch meine Zimmerpflanzen zu spüren. Die Zebrapflanzen standen an einem Nordfenster, eigentlich ein guter Standort ohne direkte Mittagssonne. Doch irgendwann stand die Luft so vollständig still, dass selbst dieser vermeintlich günstige Platz zur Belastung wurde. Kein Lüftchen, keine Abkühlung, nur Hitze.

Also brachte ich die Zebrapflanzen nach draußen auf den Hof, vor die Garage. Dort hatten sie Schatten und wenigstens die Chance auf etwas Luftbewegung. Den Farn nahm ich gleich mit. Man muss sich das einmal vorstellen: Ich musste meine Zimmerpflanzen ins Freie retten, weil sie es drinnen schlicht nicht mehr aushielten.

In meiner Katzenstube, einem zweiten Zimmer, das neben meinem Kleiderschrank und einigen Fitnessgeräten vor allem Kratzbäume und Klettermöglichkeiten beherbergt, standen ebenfalls Pflanzen am Fenster. Dort bekamen sie die Hitze besonders heftig zu spüren und verbrannten regelrecht. Pflanzen, die in einem geschützten Innenraum standen, erlitten Hitzeschäden, während ihre Artgenossen draußen im Schatten bessere Bedingungen vorfanden.

Vielleicht sollte man die Begriffe Zimmerpflanze und Freilandpflanze gelegentlich überdenken. Offenbar kommt es weniger darauf an, wo eine Pflanze stehen soll, als darauf, wo sie überhaupt noch leben kann.

In den Nachrichten war von Hitzetoten die Rede. Menschen starben an Temperaturen, die noch vor wenigen Jahrzehnten hierzulande als außergewöhnlich gegolten hätten. Während die Debatte darüber weiterging, ob der Klimawandel wirklich stattfinde, fand er statt. Im Gewächshaus, auf dem Hof und in den Nachrichten. Ohne vorherige Abstimmung und ohne die geringste Bereitschaft, sich von Meinungen beeindrucken zu lassen.

Wir haben diese Zeit überstanden. Frieda, Ronny, ich und erstaunlicherweise sogar die Pflanzen.

Allerdings bedeutet Überleben nicht zwangsläufig, dass es einem gut geht.

Die Tomaten beispielsweise wuchsen weiter und brachten Früchte hervor, aber vieles blieb klein. Die Pflanzen selbst waren prächtig gewachsen. Nur ihre Früchte hatten offenbar beschlossen, sich nicht an der allgemeinen Größenentwicklung zu beteiligen. Große Tomatenbäume mit kleinen Tomaten. Auch das muss man erst einmal hinbekommen.

Es gab rote Tomaten, gelbe Cocktailtomaten und durchaus wohlschmeckende Exemplare. Die erste gelbe Cocktailtomate war sogar ausgesprochen lecker. Nur die Menge und Größe der Ernte standen in einem etwas unglücklichen Verhältnis zu den Erwartungen, die ich im Frühjahr entwickelt hatte.

Der Knoblauch verhielt sich ähnlich. Er hatte den Winter überstanden, war gewachsen und wurde schließlich Ende Juni geerntet. Die Knollen waren allerdings so klein, dass man beinahe eine Lupe benötigt hätte, um sie von gewöhnlichen Bodenkrümeln zu unterscheiden. Vielleicht war es die Hitze, vielleicht spielten auch andere Wachstumsbedingungen eine Rolle. Jedenfalls hatte ich Knoblauch angebaut und Knoblauch geerntet. Dass zwischen diesen beiden Vorgängen nicht unbedingt ein nennenswerter Mengenunterschied bestehen muss, gehört zu den Erkenntnissen des Jahres.

Besonders schade war es um die Tayberry, eine Kreuzung aus Himbeere und Brombeere. Meine dornenlose Buckingham hatte ich voller Vorfreude gepflanzt. Sie entwickelte Früchte, die langsam reiften und die Hoffnung auf eine erste Kostprobe weckten. Dann kam die Hitze, und die Beeren trockneten ein. Man könnte sagen, die Pflanze hatte ihre Ernte bereits konserviert, bevor ich überhaupt Gelegenheit bekam, sie zu probieren. Leider war das nicht die Art von Konservierung, die ich mir vorgestellt hatte.

Immerhin lebt die Tayberry noch. Vielleicht wird 2027 ihr Jahr. Wir werden sehen, was wir bekommen. Sie sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass meine Geduld zwar groß, meine Lebenserwartung aber nicht unbegrenzt ist.

Ganz anders die Stachelbeeren.

Sie waren die erfreuliche Ausnahme. Während andere Pflanzen mit den Bedingungen haderten, lieferten sie eine richtig schöne Ernte. Auch die Erdbeeren brachten Früchte hervor, und bei den Physalis gab es zumindest ein paar Exemplare. Nicht gerade genug, um damit einen Marktstand zu eröffnen, aber immerhin mehr als nichts.

Und dann waren da noch die Kirschen.

Hinter der Garage steht ein Kirschbaum, der Früchte angesetzt hatte, und ich machte mich daran, wenigstens einen Teil davon einzusammeln. Allerdings gab es andere Interessenten, die meine Vorstellung von Eigentumsverhältnissen nicht teilten. Während ich mich um die Kirschen kümmerte, machten sich einige Insekten an mir zu schaffen. Offenbar betrachteten sie meine Erntebemühungen als unzulässigen Eingriff in ihre Besitzstände.

Am nächsten Tag hatte ich nicht nur zahlreiche Stiche, sondern auch rote Streifen an beiden Beinen. Meine Partnerin, die in der Pflege tätig ist, sah sich das an und riet mir dringend, ins Krankenhaus zu fahren. Möglicherweise handele es sich um eine Blutvergiftung. Also fuhren wir gemeinsam in die Klinik.

Eine Blutvergiftung war es zum Glück nicht. Auch ein anaphylaktischer Schock, wie ich ihn im Vorjahr erlebt hatte, blieb mir diesmal erspart. Stattdessen wurde eine Venenentzündung festgestellt.

Immerhin mal etwas anderes.

Wie mir der Arzt erklärte, gibt es ein oberflächliches und ein tieferliegendes Venensystem. Und wir waren offenbar gerade noch rechtzeitig gekommen, denn die Entzündung drohte auf das tiefe Venensystem überzugreifen. Auf meine neugierige Frage, was denn passieren könnte, wenn man eine solche Angelegenheit einfach ignorierte, nannte er unter anderem Lungenembolie, Sepsis und Herzinfarkt als mögliche Folgen.

Das klang nicht unbedingt nach einer empfehlenswerten Alternative.

Allerdings sollte ich mir nun für einige Zeit selbst Spritzen geben. Eine Aussicht, die mich angesichts meiner ausgeprägten Spritzenangst nicht gerade in Begeisterungsstürme versetzte.

Aber was sollte ich machen? Also wurde gespritzt. Unter Fluchen, Schimpfen und der vorübergehenden Überzeugung, dass die Medizin sich hätte etwas Besseres einfallen lassen können.

Nach einigen Tagen begleitete ich meine Partnerin zu unserer Hausärztin. Die bekam mit, wie wenig begeistert ich von meiner neuen Beschäftigung war, und hatte erfreulicherweise eine Alternative anzubieten: Tabletten.

Ich war erlöst!

Offenbar hatte die moderne Medizin inzwischen Möglichkeiten entwickelt, Medikamente auch auf anderem Wege als durch das gewaltsame Durchbohren der menschlichen Haut in den Körper zu befördern. Eine ausgesprochen begrüßenswerte Entwicklung.

Die Tabletten nahm ich jedenfalls wesentlich lieber. Schließlich habe ich keine Schluckangst.

Andere Menschen kommen vom Kirschenpflücken mit einem Korb nach Hause. Ich kam mit einer Diagnose und einem Therapieplan zurück.

Immerhin habe ich wieder etwas gelernt. Und überlebt.

Die übrigen Pflanzen verlangten unterdessen weiterhin Aufmerksamkeit. Gießen, umstellen, beobachten, nachsehen, wieder gießen. Während der schlimmsten Hitze war selbst die Erde in größerer Tiefe noch warm. Und kaum hatte man sich daran gewöhnt, dass der Himmel sämtliche Feuchtigkeit aus der Landschaft zu entfernen schien, kamen Gewitter, Starkregen und Hagel.

Die Natur verfügt über ein erstaunliches Repertoire, um Gartenbesitzer bei Laune zu halten. Erst wird alles gebacken, anschließend gewaschen und gelegentlich noch mit Eiswürfeln beworfen.

Dennoch erholten sich viele Pflanzen. Neue Blätter erschienen, beschädigte Triebe wurden ersetzt, und manches, was bereits verloren schien, entwickelte wieder frisches Grün. Besonders die Kräuter zeigten sich widerstandsfähig. Petersilie, Basilikum und Oregano gediehen gut. Der Oregano ist sogar Ende Oktober noch vorhanden und sieht keineswegs so aus, als habe er vor, demnächst seine Tätigkeit einzustellen.

Auch der Lavendel machte Freude. Er blühte, lockte Insekten an und erfüllte damit gleich mehrere Aufgaben, ohne dass ich ihm dafür einen Arbeitsvertrag anbieten musste. Die Ringelblumen entwickelten sich ebenfalls prächtig, blühten und bildeten Samen. Für das kommende Jahr ist damit bereits vorgesorgt, sofern die Natur nicht wieder beschließt, sämtliche Planungen durch neue Überraschungen zu ersetzen.

Weniger erfreulich verlief die Geschichte des Salats.

Dabei hatte ich mir wirklich Mühe gegeben. Ich säte aus, wartete, beobachtete und freute mich über die wachsenden Blätter. Schließlich gehört frischer Salat aus eigenem Anbau zu den Dingen, die einen Garten besonders reizvoll machen. Man weiß, wo er herkommt, was in der Erde steckt und dass man ihn nicht erst quer durch Europa transportieren musste.

Leider teilten andere Lebewesen diese Begeisterung.

Nicht etwa die Schnecken, die ich zunächst dafür im Verdacht hatte. Grüne Raupen entdeckten meine Salatpflanzen und kamen zu dem Schluss, dass ich eigens für sie ein Selbstbedienungsrestaurant eröffnet hätte. Zweimal war die Ernte praktisch vollständig verschwunden, ohne dass man mir auch nur ein einziges Blatt übrig gelassen hätte.

Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, dieses Stück Grün mit anderen Lebewesen zu teilen. Aber Teilen setzt nach meinem Verständnis voraus, dass für beide Seiten etwas übrig bleibt. Wer sich ungefragt die gesamte Ernte einverleibt, hat das Prinzip möglicherweise nicht vollständig verstanden.

Das Institut für angewandte Trotzologie hätte vermutlich eine zweite Versuchsreihe angeordnet. Die Raupen waren davon begeistert.

Irgendwann kaufte ich meinen Salat wieder im Laden.

Dort muss ich zwar bezahlen, aber immerhin besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich anschließend tatsächlich Salat besitze.

Andere Pflanzen machten sich unterdessen gut. Der Rizinus entwickelte sich, die Stevia wuchs und wartet Ende Oktober noch auf ihre Ernte. Der Topinambur hat inzwischen braune Blattränder und sieht oberirdisch nicht mehr besonders eindrucksvoll aus. Allerdings ist das bei ihm im Herbst durchaus normal. Seine eigentliche Leistung verbirgt sich unter der Erde, wo die Knollen heranwachsen. Vielleicht wartet dort noch eine erfreuliche Überraschung.

Auch die Blaubeere entwickelte sich gut, ebenso manches, das ich gar nicht bewusst angepflanzt hatte.

Denn ein Garten besteht nicht nur aus dem, was man hineinpflanzt. Selbst dann nicht, wenn man eigentlich gar keinen Garten besitzt.

Gundermann breitete sich aus, besonders auf einer Seite der kleinen Wiese, die zum Grundstück gehört. Spitzwegerich wuchs, und in der Nähe der Insektenhotels erschienen kleine Blüten. Ich begann, beim Mähen stärker darauf zu achten, wo gerade etwas blühte. Duftveilchen zum Beispiel. Mal blieb die eine Seite stehen, mal die andere. Nicht alles muss gleichzeitig kurzgeschnitten werden. Schließlich muss ich nicht erst die Natur missverstehen, um anschließend den Insekten auch noch das Essen wegzumähen.

Auch Brennnesseln, Löwenzahn und Disteln gehören dazu, wenngleich ich ihnen nicht überall freie Hand lassen möchte. Sobald die sich anschicken, die Vorherrschaft im Garten zu übernehmen, ist Schluss mit freundlich. Schließlich möchte ich das Grundstück nicht vollständig an die Vegetation abtreten. Andererseits muss auch nicht jede Pflanze verschwinden, nur weil sie nicht in einem Gartencenter gekauft wurde.

Die kleinen Wildblumen sind für Insekten oft wertvoller als so manche aufwendig gezüchtete Zierpflanze. Wer Insektenhotels aufhängt, sollte schließlich auch daran denken, dass die Gäste nach dem Einchecken etwas zu essen brauchen.

Auch für Igel gibt es Rückzugsmöglichkeiten. Steine, Totholz und geschützte Ecken dürfen bleiben. Nicht jede Unordnung ist ein Missstand. Manchmal ist sie schlicht Lebensraum.

Eine Hornisse hatte sich ebenfalls einmal für eine Unterkunft interessiert. Daraus wurde letztlich nichts. Vielleicht entsprachen die Räumlichkeiten nicht ihren Vorstellungen. Eine schriftliche Beschwerde liegt mir jedenfalls nicht vor. Schade. Sie hatte bereits einen Namen bekommen.

Im Herbst begann schließlich das große Nachlassen.

Einige Pflanzen vergilbten, andere vertrockneten, wieder andere verabschiedeten sich vollständig. Die Tomaten im Gewächshaus sehen inzwischen aus, als hätten sie einen längeren Aufenthalt in einer besonders schlecht geführten Kurklinik hinter sich. Blätter hängen schlaff herunter, viele sind braun und trocken. Dazwischen finden sich noch einzelne Früchte und grüne Triebe.

Ich müsste sie eigentlich entfernen.

Aber ich bringe es noch nicht übers Herz.

Das mag irrational sein. Schließlich handelt es sich um einjährige Nutzpflanzen, deren Lebenszyklus irgendwann endet. Trotzdem fällt es schwer, etwas herauszureißen, das man monatelang begleitet hat. Vielleicht liegt es daran, dass man nicht nur die Pflanze sieht, sondern auch die Zeit, die man mit ihr verbracht hat. Die ersten Keimblätter, das Umtopfen, das tägliche Nachsehen, die Freude über die ersten Blüten und schließlich über die Früchte.

Und dann steht man davor und soll einfach sagen: Das war’s.

Immerhin habe ich vorgesorgt. Von einigen Tomaten nahm ich Stecklinge, ließ sie im Wasser Wurzeln bilden und setzte sie anschließend in kleine Töpfe. Fünf junge Pflanzen stehen inzwischen im Haus und sollen möglichst den Winter überstehen. Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Vielleicht werden daraus im kommenden Frühjahr kräftige neue Tomatenpflanzen. Vielleicht auch nicht.

Das Institut nennt es Zukunftsforschung. Ich nenne es: Mal sehen.

Nicht alles muss gelingen, um sinnvoll gewesen zu sein. Man darf auch Erfahrungen sammeln und lernen.

Wenn ich heute auf das Gartenjahr 2026 zurückblicke, fällt die eigentliche Erntebilanz eher bescheiden aus. Die Stachelbeeren waren hervorragend, die Erdbeeren erfreulich, einige Tomaten und Physalis schmeckten gut. Der Knoblauch blieb klein, die Tayberry enttäuschte, und beim Salat war ich hauptsächlich als unbezahlter landwirtschaftlicher Dienstleister für eine Raupenpopulation tätig.

Würde man den wirtschaftlichen Ertrag berechnen und die Kosten für Erde, Pflanzen, Wasser und Arbeitszeit dagegenstellen, wäre es vermutlich vernünftiger gewesen, das Gemüse zu kaufen.

Aber darum ging es mir nie.

Es ging darum, etwas wachsen zu sehen. Und vielleicht noch mehr darum, etwas dort wachsen zu sehen, wo eigentlich gar nichts wachsen sollte. Auf einem Hof, der nie als Garten gedacht war, zwischen Mauern, Pflastersteinen und allerlei Dingen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben.

Darum, morgens nachzuschauen, ob eine Pflanze neue Blätter bekommen hat. Darum, sich über eine Blüte zu freuen, die gestern noch nicht da war. Darum, Hummeln zu beobachten, die zwischen Lavendel und anderen Blüten unterwegs sind. Darum, festzustellen, dass eine Pflanze, die man längst abgeschrieben hatte, plötzlich wieder austreibt.

Mein Schwager Thomas nannte diesen Ort einmal „Das Paradies im Grünberger Weg“.

An diese Worte denke ich immer wieder gerne.

Denn er hatte etwas gesehen, das sich weder in Quadratmetern noch in Kilogramm geernteter Tomaten ausdrücken lässt. Aus einem Hof war etwas entstanden, das mehr war als die Summe seiner Pflanzkübel, Blumentöpfe und improvisierten Beete.

Und wenn ich im Sommer dort sitze und die Insekten brummen höre, dann klingt das für mich manchmal wie ein Dankeschön. Als würden sie sagen: „Das hast du aber toll gemacht!“

Natürlich weiß ich nicht, was sie tatsächlich sagen. Vielleicht beschweren sie sich über das Frühstück, die Zimmerausstattung oder die fehlende Klimaanlage. Schließlich betreibe ich hier ein Insektenhotel und keinen Fünf-Sterne-Wellnessbetrieb.

Aber eines weiß ich: Ohne das, was ich hier geschaffen habe, hätten viele von ihnen an diesem Ort vermutlich gar nichts zu sagen.

Und das ist ein schöner Gedanke.

Ich muss nicht die ganze Welt retten. Das könnte ich ohnehin nicht. Aber ich kann versuchen, den kleinen Teil der Welt, auf den ich Einfluss habe, ein bisschen lebenswerter zu machen. Für mich, für die Pflanzen und für die Tiere, die hier ein Zuhause oder wenigstens einen Platz zum Ausruhen finden.

Vielleicht verändert das nicht die Welt.

Aber es verändert etwas in ihr.

Ende Oktober steht der Winter vor der Tür. Die letzten Ernten werden eingebracht, empfindliche Pflanzen geschützt und die übrigen dürfen sich auf ihre Weise verabschieden. Einige werden im Frühjahr zurückkehren. Andere werden ersetzt. Und irgendwo in der Erde wartet bereits das nächste Gartenjahr.

Ich werde wieder aussäen, umtopfen, gießen, beobachten und hoffen.

Vermutlich werde ich auch wieder zu viele Tomaten vorziehen.

Die Raupen werden wahrscheinlich ebenfalls wiederkommen. Schließlich haben sie hier gute Erfahrungen gemacht.

Und die Tayberry bekommt noch eine Chance.

Das Institut für angewandte Trotzologie wird seine Forschungen also auch 2027 fortsetzen. Der Versuchsaufbau bleibt weitgehend unverändert, die Ergebnisse sind weiterhin ungewiss, und die wissenschaftliche Leitung weigert sich beharrlich, aus den bisherigen Rückschlägen die naheliegenden Konsequenzen zu ziehen.

Der offizielle Leitsatz des Instituts lautet deshalb:

Aufgeben kann ja jeder.

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