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Bitte den Verkehrspolizisten umfahren!

Von englischen Verkehrsschildern, hessischen Fahrstunden und den Risiken der Verständigung

Neulich war ich wieder einmal auf der Autobahn unterwegs, Richtung Bad Nauheim. Und wie das so ist, wenn man Auto fährt, begegnen einem gelegentlich Schilder. Das ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Dafür sind die Dinger schließlich da. Manche teilen einem mit, wohin man fährt, andere, wie schnell man fahren darf, und wieder andere versuchen, einen zu einem besseren Menschen zu erziehen.

Eines davon verkündete: „Don’t text and drive.“

Ein anderes: „Don’t drive high.“

Ich habe grundsätzlich nichts gegen die englische Sprache. Auch nichts dagegen, dass sie sich im Deutschen breitmacht. Sprachen haben sich schon immer gegenseitig beeinflusst, Wörter übernommen, verändert, umgedeutet und gelegentlich derart verunstaltet, dass ihre ursprünglichen Besitzer sie kaum wiedererkennen würden. Sprachentwicklung ist schließlich keine Veranstaltung, bei der vorher jemand die Teilnehmerliste kontrolliert.

Man denke nur an unser Handy. Ein wunderbar englisch klingendes Wort, mit dem man in den USA allerdings nicht unbedingt das bezeichnet, was wir darunter verstehen. Dort spricht man vom cell phone. Was mich bei meinem Aufenthalt in Amerika ausgesprochen erfreute. Schließlich erinnerte mich das an unsere gute alte Telefonzelle, die mittlerweile weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden ist und nun sprachlich in amerikanischen Hosentaschen weiterlebt.

Gut, ganz so ist es nicht. Die cell bezeichnet hier die Funkzelle. Aber man wird ja wohl noch seine Freude an einer hübschen sprachlichen Assoziation haben dürfen, ohne dass gleich jemand mit dem etymologischen Zeigefinger erscheint.

Zurück zur Autobahn, bevor ich noch eine Ausfahrt verpasse.

Ich fragte mich nämlich, weshalb man ausgerechnet dort englischsprachige Botschaften aufstellt. Offenbar geht irgendjemand davon aus, dass genügend Menschen, die diese Autobahn benutzen, Englisch verstehen. Andernfalls wäre das schließlich witzlos.

Das kann durchaus stimmen. Aber woher weiß man das?

Gibt es Untersuchungen darüber? Hat man Menschen befragt? Oder saß irgendwo jemand in einer Besprechung und erklärte: „Englisch kann doch heutzutage jeder!“ Woraufhin alle zustimmend nickten, weil niemand zugeben wollte, dass er bei Don’t drive high zunächst an eine Höhenbegrenzung gedacht hatte.

Schließlich könnte man auch französische Schilder aufstellen. Französisch war einmal die Sprache der europäischen Diplomatie. Latein hat über Jahrhunderte Wissenschaft und Kirche geprägt. Griechische Begriffe begegnen uns in zahlreichen Fachgebieten. Italienisch ist in der Musik allgegenwärtig. Und Spanisch wird weltweit von Hunderten Millionen Menschen gesprochen.

Warum also Englisch?

Natürlich kenne ich die Antwort. Zumindest teilweise. Englisch ist heute in vielen Bereichen die internationale Verständigungssprache. Aber das erklärt noch nicht, ob eine bestimmte englische Formulierung auf einer deutschen Autobahn tatsächlich ihren Zweck erfüllt.

Denn zwischen dem Wiedererkennen einer Sprache und dem Verstehen einer Botschaft besteht ein Unterschied. Und eine Botschaft, die niemand versteht, ist ungefähr so hilfreich wie ein Wegweiser, auf dem lediglich steht: „Irgendwo da lang!“

Dass Verständigung nicht allein eine Frage der Sprache ist, hatte ich übrigens schon einmal am eigenen Leib erfahren. Das war 1993, und damals kostete mich ein englisches Wort einen Fehlerpunkt bei der Führerscheinprüfung.

Ich arbeitete seinerzeit bei der Initiative für Jugendberufsbildung der sozialen Brennpunkte in Gießen e. V., kurz IJB. Die Einrichtung hatte eine Vereinbarung mit einer Fahrschule getroffen, die es den Beschäftigten ermöglichte, ihren Führerschein in Raten zu bezahlen.

Meiner kostete etwa 1800 D-Mark. Das Geld wurde bequem vom Lohn abgezogen. Das Fahrschulauto holte mich sogar an der Baustelle ab und brachte mich anschließend wieder zurück. Die Fahrstunden fanden damit praktisch während meiner Arbeitszeit statt. Ein Arrangement, bei dem man sich heute vermutlich erst einmal durch drei Antragsverfahren arbeiten müsste, bevor überhaupt jemand den Zündschlüssel herausrückt.

Bei der theoretischen Prüfung machte ich exakt einen Fehler. Und der hatte ausgerechnet mit einem englischen Ausdruck zu tun.

Gefragt wurde, wie sich beim Autofahren Kraftstoff sparen lässt. Eine der möglichen Antworten lautete: „Kickdown vermeiden.“

Kickdown?

Ich hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Also kreuzte ich etwas anderes an.

Später ließ ich mir erklären, dass damit das kräftige Durchtreten des Gaspedals bei einem Automatikfahrzeug gemeint ist, wodurch das Getriebe zum Beschleunigen zurückschaltet. Beim spritsparenden Fahren sollte man das möglichst vermeiden. Wieder etwas gelernt. Nur leider zu spät für diesen Prüfungsbogen.

Die Fahrschule ließ mich anschließend noch einige weitere Bögen ausfüllen. Vielleicht wollte man sicherstellen, dass mein gutes Ergebnis kein Zufall gewesen war. Vielleicht spielten auch finanzielle Überlegungen eine Rolle. Jedenfalls blieb es nicht bei diesem einen Test.

Als man bei der IJB von meinen Ergebnissen erfuhr, kam man auf die Idee, mich mit den anderen Lernenden zusammenzusetzen. Ich sollte ihnen bei der Vorbereitung auf die theoretische Führerscheinprüfung helfen.

Nun gut. Ich sah mir die Unterlagen an und stellte fest, dass sie eine Eigenschaft besaßen, die man vielen Unterrichtsmaterialien nachsagen kann: Sie waren staubtrocken. Man hätte damit vermutlich einen nassen Keller sanieren können.

Also überlegte ich, was sich daraus machen ließe. Und da kam mir ausgerechnet die Sprache zu Hilfe, an der ich selbst gerade gescheitert war. Nicht Englisch allerdings, sondern Hessisch.

Ich begann, die Prüfungsfragen vorzulesen und dabei mehr oder weniger spontan ins Hessische zu übertragen. Das hatte einen besonderen Reiz, denn für viele der jungen Leute aus den sozialen Brennpunkten der Stadt Gießen war Hessisch keineswegs ihre Alltagssprache. Es war eher die Sprache der Bauern aus den umliegenden Dörfern. Etwas, das man zwar kannte, aber selbst nicht sprach.

Ausgerechnet mit einer Sprache, die den Zuhörern nicht besonders vertraut war, wollte ich ihnen also etwas verständlicher machen. Das klingt zunächst nach einer reichlich bescheuerten Unterrichtsmethode. Aber sie funktionierte. Jedenfalls wurde plötzlich zugehört, mitgedacht und vor allem gelacht.

Nehmen wir beispielsweise eine Frage, wie sie in den Prüfungsbögen vorkommen konnte:

„Sie kommen an eine Kreuzung ohne Verkehrszeichen und ohne Ampel. Wer hat Vorfahrt?“

Die Antwortmöglichkeiten lauteten sinngemäß:

a) Immer das größere oder teurere Fahrzeug.

b) Das Fahrzeug, das zuerst an der Kreuzung war.

c) Grundsätzlich gilt „Rechts vor Links“.

d) Immer der Geradeausfahrer vor dem Abbieger.

Bei mir klang das dann ungefähr so:

„Sie komme an è Kreuzung, wo da kei Verkehrszeiche un aach kei Ampel is. Wer darf zuerst fahrn?

a) Immer der, wo des größere oder teurere Fahrzeug hawwe dut.

b) Das Audo, des als erstes an de Kreuzung gewese is.

c) Rechts vor Links – alles annere is Kokolores!

d) Der, wo geradeaus fahre will, darf als erstes – alle annern erst hinne nach.“

Die Leute amüsierten sich köstlich. Und ich mich ebenfalls. Schließlich hatte ich keine pädagogische Revolution geplant. Ich wollte lediglich verhindern, dass wir alle gemeinsam über den Prüfungsbögen einschliefen.

Dabei half natürlich, dass die Fragen selbst gelegentlich unfreiwillig komisch waren. Eine davon habe ich bis heute nicht vergessen.

Man kommt an eine Kreuzung. Die Ampel ist ausgefallen. Ein Verkehrspolizist regelt den Verkehr. Man möchte links abbiegen.

Wie fährt man?

Die richtige Antwort sah vor, den Verkehrspolizisten zu umfahren.

Nun besitzt das Deutsche die wunderbare Eigenschaft, dass man jemanden umfáhren kann, indem man um ihn herumfährt. Man kann ihn aber auch úmfahren, indem man ihn über den Haufen fährt.

Ein kleiner Unterschied in der Betonung, ein erheblicher Unterschied für den Verkehrspolizisten.

Das Kopfkino lief sofort an.

Da steht der arme Mann auf der Kreuzung, bemüht sich redlich, den Verkehr zu regeln, und plötzlich kommt ein Fahrschüler daher, der seine Prüfungsunterlagen besonders gewissenhaft gelesen hat.

Aufgabe verstanden. Polizist umgefahren.

Und vermutlich bleibt es nicht bei einem Fahrschüler. Schließlich ist man selten der einzige Linksabbieger an einer Kreuzung. Ich weiß allerdings nicht, wie viele Linksabbieger so ein Verkehrspolizist aushält. Nach dem zweiten oder dritten dürfte ein Schichtwechsel dringend geboten sein. Vorausgesetzt, es findet sich noch jemand, der den Dienst übernehmen möchte.

Wir haben herzlich gelacht. Und das Bemerkenswerte daran ist: Das war 1993. Heute haben wir 2026. Dreiunddreißig Jahre später erinnere ich mich noch immer an diesen Verkehrspolizisten und sogar an den Wortlaut der damaligen Frage.

Ich hoffe sehr, dass es den anderen damals ähnlich ergangen ist. Zumindest, was die Erinnerung betrifft. Praktische Versuche, die Anweisung allzu wörtlich umzusetzen, wären vermutlich weniger erfreulich ausgefallen.

Was ich damals erlebt habe, beschäftigt mich bis heute: Sprache ist nicht bloß ein Mittel, Informationen weiterzugeben. Sie kann Aufmerksamkeit erzeugen, Neugier wecken, Zusammenhänge sichtbar machen und dabei sogar Vergnügen bereiten.

1993 hatte mich ein englischer Begriff, „Kickdown“, in einer deutschen Prüfungsfrage aus dem Konzept gebracht. Wenig später entdeckte ich, dass auch ein vollkommen deutsches Wort wie „umfahren“ zu erheblichen Missverständnissen führen kann. Offenbar ist die Herkunft eines Wortes nicht unbedingt entscheidend für seine Verständlichkeit.

Humor kann dabei ausgesprochen hilfreich sein. Wer lacht, beschäftigt sich mit dem, worüber er lacht. Zumindest im günstigen Fall. Natürlich kann man sich auch hervorragend an einen Witz erinnern und längst vergessen haben, worum es eigentlich ging. Aber wenn beides zusammenkommt, der Witz und die Erkenntnis, dann hat man etwas gewonnen.

Und damit bin ich wieder bei den englischen Verkehrsschildern.

Vielleicht ging es den Verantwortlichen gar nicht in erster Linie darum, Englisch zu verwenden. Vielleicht wollten sie eine Formulierung finden, die auffällt. „Keine Drogen am Steuer“ ist verständlich, aber auch vertraut. „Don’t drive high“ klingt anders. Kürzer, vielleicht moderner, möglicherweise auch ein wenig frecher.

Das könnte Aufmerksamkeit erzeugen. Nur stellt sich dann die nächste Frage: Aufmerksamkeit wofür?

Wenn jemand die Botschaft nicht versteht, hat er zwar ein ungewöhnliches Schild gesehen, aber möglicherweise nichts daraus gelernt. Und während wir 1993 genügend Zeit hatten, über einen umgefahrenen Verkehrspolizisten zu lachen, sollte man auf einer Autobahn nicht erst eine sprachwissenschaftliche Untersuchung beginnen müssen, um zu erfahren, was einem das Schild mitteilen möchte.

Die Frage ist also nicht, ob Englisch dort etwas zu suchen hat. Die Frage ist, ob es dort funktioniert.

Ich betrachte Sprache als Werkzeug. Und Werkzeuge sollte man pflegen, sachgerecht benutzen und bei Bedarf weiterentwickeln. Was man nicht tun sollte, ist, sie unter Glas zu stellen und zu verlangen, dass sie sich gefälligst nicht mehr verändern.

Sprachpuristen sehen das gelegentlich anders. Sie möchten die Sprache von fremden Einflüssen reinigen, als handele es sich um ein besonders empfindliches Kleidungsstück, das versehentlich mit der falschen Wäsche in die Maschine geraten ist. Dabei lebt Sprache gerade davon, dass sie sich verändert. Wer sie konservieren möchte, sollte vielleicht ein Museum eröffnen. Dort lässt sich schließlich alles ordentlich beschriften, katalogisieren und vor unerwünschtem Kontakt mit der Gegenwart schützen.

Menschen übernehmen Wörter, erfinden neue, geben alten neue Bedeutungen, verkürzen, verlängern, verdrehen und kombinieren sie. Manchmal entsteht dabei etwas ausgesprochen Brauchbares. Manchmal auch ziemlicher Unsinn. Aber selbst der Unsinn kann interessant sein.

Eine Sprache muss nicht rein sein. Sie muss etwas taugen.

Und dazu gehört für mich auch, dass man über ihre Verwendung nachdenkt. Nicht jedes englische Wort ist sinnvoll, nur weil es englisch ist. Nicht jeder deutsche Ausdruck ist besser, nur weil er deutsch ist. Entscheidend ist, was man sagen möchte, wen man erreichen will und ob die gewählte Formulierung dazu geeignet ist.

Gerne würde ich die Verantwortlichen dieser Verkehrskampagne fragen, welche Überlegungen hinter ihren englischen Botschaften stecken. Mich würde interessieren, ob man deren Verständlichkeit untersucht hat, ob es Erfahrungen mit unterschiedlichen Formulierungen gibt und ob die Fremdsprache bewusst als Mittel eingesetzt wurde, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Denn ich möchte keineswegs behaupten, dass die Schilder ihren Zweck verfehlen. Es ist durchaus möglich, dass sie hervorragend funktionieren.

Aber wer hat das überprüft?

1993 konnte ich beobachten, wie meine Zuhörer auf die veränderten Formulierungen reagierten. Wir konnten darüber reden, lachen und nachfragen. Wer eine Botschaft an einer Autobahn aufstellt, hat diese unmittelbare Rückmeldung nicht. Gerade deshalb sollte man dort besonders sorgfältig darüber nachdenken, was beim Empfänger tatsächlich ankommt.

„Don’t think and drive“ wäre jedenfalls eine ausgesprochen unglückliche Empfehlung. Wobei man manchmal den Eindruck gewinnen könnte, dass sich einige Verkehrsteilnehmer bereits freiwillig daran halten.

Wenn schon ungewöhnliche Formulierungen, dann könnte man übrigens auch einmal hessische Verkehrsschilder ausprobieren. „Mach emal halblang“, „Pfoten wech vom Händy“ oder „Aache uff beim Audofahrn“. Die Leute würden darüber lachen, sich die Botschaften womöglich sogar merken. Und für manchen wäre das eine größere sprachliche Herausforderung als Englisch.

Überhaupt ist das eine der schönen Eigenschaften von Sprache: Man kann sich mit ihr beschäftigen, ohne sich gleich über sie beschweren zu müssen. Man kann beobachten, vergleichen, ausprobieren und gelegentlich herzlich lachen.

Und manchmal führt einen ein englisches Verkehrsschild auf einer hessischen Autobahn zurück in einen Unterrichtsraum des Jahres 1993.

Dort steht noch immer ein Verkehrspolizist auf einer Kreuzung.

Ich hoffe, er hat inzwischen Feierabend.

Und falls nicht, sollte man ihn besser einfach umfahren.

Aber bitte richtig betonen.

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